

Plattformzusammenschluss, Clubs, Agenturen und Netzwerke - Agenturen oder immer mehr Ich-AGs im Jazz?
Auch Christoph Huber sieht als eines der Probleme der österreichischen Jazz-Szene, dass es über Jahre hinweg keine "führende Agentur für österreichische MusikerInnen gab". Die Situation habe sich zwar mittlerweile verbessert, dennoch fehle es noch immer an ausreichenden professionellen Strukturen in diesem Genre, gerade für den Nachwuchs. Er fordert die schon seit Jahren angedachte Subventionierung von Agenturen wie von VeranstalterInnen - "zum Wohl der MusikerInnen und zum Wohl der Musik". Diese wird systematisch von den betreffenden Stellen abgelehnt, da Agenturen ökonomisch und gewinnbringend arbeiten sollten.
Weiters stimme er mit Christoph Cech überein, dass es im Zeitalter des Internets eine rege Netzwerktätigkeit gibt, die auch gut funktioniere und ein reger Informationsaustausch stattfände, der auch gut von Seiten der MusikerInnen ausgewertet würden.
Harald Justin, Mitgründer der Zeitschrift Jazzthetik, einem der wichtigsten deutschsprachigen Magazine für europäischen zeitgenössischen Jazz, hat sich intensiv mit der österreichischen Szene auseinandergesetzt. Er bringt den Blick von außen in diese Diskussion ein und zieht Vergleiche mit der Situation des Jazz in Deutschland. So habe Berlin für deutsche MusikerInnen in den letzten Jahren eine immense Sogkraft entwickelt, obwohl die Stadt seiner Meinung nach "keinen ursprünglichen Sound hat wie Wien". In Wien fände er es immer sehr interessant, viele Wiener MusikerInnen zu sehen, denn internationale MusikerInnen kann man überall sehen.
Auch er sieht eine Schwachstelle in der Professionalisierung des Jazz - diese Thematik sei keine Neue. Angeregt durch den Erfolg skandinavischer MusikerInnen und Ensembles wurde in Deutschland bereits 2004 bei der ersten Jazzahead, eine internationale Musikmesse in Bremen, öffentlich darüber diskutiert, wie man den Jazz professioneller machen könnte. Wie könne Jazz gestaltet werden, damit er sich besser verkaufen lässt und ein größeres Publikum anspricht und wieder attraktiver wird? Und was könne für die deutschen MusikerInnen gemacht werden? Ähnlich wie im Popmusikbereich blickten die Jazz-Szenen neidisch nach Skandinavien, weil dort Dinge passiert seien, wie z.B. dass in den Schulen Jazz gelehrt werde, Steuersätze gesenkt werden und Clubs subventioniert werden die rhythmisch intensive Musik machen. So etwas sei damals in Deutschland nicht denkbar gewesen. Es "gab es dann Petitionen und Arbeitskreise, welche bei der Jazzhead angeregt wurden, verbunden mit dem Wunsch, dass sich bitte aber auch die MusikerInnen professionalisieren sollen." D.h. sie sollen mit Agenturen arbeiten und so genannte Set-Cards (mit Fotos, Pressetexten und einer Promo-CD) erstellen, damit sie vermittelbar sind, denn auch auf Seiten der VeranstalterInnen führe der immer schnellere Zugriff auf Informationen zu einem "medialen Overkill", der dazu führe, dass nicht mehr auf alle Rücksicht genommen werden könne.
Hierauf wendet Christoph Cech ein, dass es nicht Aufgabe von 1000-prozentigen KünstlerInnenpersönlichkeiten sein könne und dürfe, sich noch um solche organisatorischen Angelegenheiten zu kümmern, denn die Professionalität der Musikschaffenden sei es Musik zu machen und das täten sie auch auf einem hohen Niveau. Man möchte auf der einen Seite "charismatische KünstlerInnentypen auf der Bühne stehen haben und auf der anderen Seite sollen sie mit dem Laptop im Zug herum fahren und anständig checken - sehr viele Auflagen, die sich in einer Person nicht vereinbaren lassen." Er spreche bei jeder ihm gebotenen Möglichkeit mit staatlichen Stellen über diese Problematik, denn man dürfe die geldgebenden Stellen nicht aus ihrer Verantwortung entlassen, auch die Distributionseben zu fördern, denn dort gebe es ein großes Loch.
So habe es nach Cechs Meinung keinen Sinn einer Band vier bis fünf tausend Euro zugeben, denn dies sei nicht nachhaltig. Das Geld fließe oft in vier oder fünf Gigs bei denen VeranstalterInnen zu wenig bezahlen und MusikerInnen es dann mit den Förderungen ausgleichen müssten. Er fordert wieder Initiativen wie die "Aktion achttausend", die zwei Personen aus dem MusikerInnenkreis gemanaget und über einen Zeitraum von zwei Jahren mit dazumal 8.000 Schilling/Monat unterstützt hat. Somit sei nachhaltig etwas unternommen worden, denn plötzlich waren sehr viele MusikerInnen besser vertreten als vorher. Denn es gäbe auch in den MusikerInnenkreisen Talente, die über versierte Managementtalente verfügen, aber es fehle die Grundlage um ein faires Überleben zu sichern. Auch dürfen die Fehler aus anderen Genres nicht kopiert werden, wo oftmals MusikerInnen auch "Models sein müssen" und so auf dubiose Art Kapital seitens der Distributionsindustrie geschlagen werde.
Dennoch ist Harald Justin der Ansicht, dass kein Weg am momentan propagierten Selbstcoaching für Musikschaffende vorbei führe, um auch entsprechende Images zu produzieren, die vom Markt verlangt werden.

Wie kann der österreichische Jazz eine bessere internationale Positionierung erzielen?
Im Laufe der Diskussion wurde mehrmals vom "nordischen Wunder" gesprochen es wurden für skandinavische MusikerInnen verstärkt Länderaustausch- bzw. Präsentationsprojekte organisiert, welche kein Novum darstellen, sondern bereits in den 80er und 90er Jahren von Frankreich für ihre Musikschaffenden vorangetrieben worden seien. Wie können solche Projekte für die österreichischen Jazz-Szenen adaptiert werden, um eine bessere Wahrnehmung und Positionierung zu erzielen?
Sowohl Otmar Klammer als auch Christoph Huber veranstalten Festivals bzw. Konzerte mit länderspezifischen Schwerpunkten und berichten über ihre Erfahrungen. So funktionieren für Otmar Klammer die Kooperationen am besten mit Ländern des ehemaligen Ostblocks, "weil die Kooperationspartner, ob es der Tourismusverband in Bulgarien, das Außenministerium in Rumänien oder die Niederlassungen hier in Österreich sei, viel mehr Interesse zeigten als Ländern im Westen, geschweige denn Amerika." Hierbei werden guten Verbindungen und Kontakte geknüpft, um im Gegenzug österreichische MusikerInnen, im Speziellen MusikerInnen aus Graz, vermitteln zu können, was zu einem nachhaltigen Austausch z.B. mit Polen oder Bulgarien geführt habe.
Auch der künstlerische Leiter des Porgy & Bess wendet sich in seiner Programmierung von Länderschwerpunkten dem Osten und Südosten Europas zu, "aus der Tatsache heraus, dass Wien eine Brückenfunktion hat". Auch er finde dort eine hohe Bereitschaft von der öffentlichen Seite, sprich von Botschaften etc. vor, Dinge wirklich aus Interesse zu realisieren. Aber er merkt auch an, dass in Folge der anderen Förderungssituation in skandinavischen Ländern die dortigen MusikerInnen kaum Interesse haben außerhalb Skandinaviens zu spielen, und wenn doch, dann gebe es überzogene Gagenforderungen. Es bräuchte für die VertreterInnen Österreichs auf der diplomatischen Kulturvermittlungsebene im Ausland einen kulturpolitischen Auftrag, "das kreative Musikschaffen und den Jazz auch außerhalb der Landesgrenzen präsentieren zu können." Jedoch berichtet Christoph Huber auch von einem Negativbeispiel eines Austauschs: So habe das Porgy & Bess eine wechselseitige Kooperation mit dem Berliner Club A-Train organisiert, dieser wurde jedoch in beiden Städten weder von den MusikerInnen noch vom Publikum angenommen und als Möglichkeit der Vernetzung wahrgenommen.
Diesem Vorwurf widerspricht Christoph Cech und weist darauf hin, dass seine Studierenden ein reges Interesse hätten, Kontakte zu knüpfen und sich mit dem Schaffen in- und ausländischer KollegInnen auseinandersetzen. Er selbst wie auch sein Lehrkörper seien des Weiteren sehr darum bemüht, alle relevanten Informationen an die Studentenschaft weiterzuleiten.
Etikettierung - ein notwendiges Übel für Medien und Publikum und gibt es noch die Tradition eines ernst zunehmenden Fachjournalismus?
Das Genre Jazz wird gerne mit verschieden Etiketten versehen, ohne dass ernst zunehmende fachliche Rezensionen in den (Fach-)Medien stattfinden, so Christoph Cech. Hier stimmen die Medienvertreter am Podium einerseits zu, doch auch im Medienbereich gäbe es seit dem Vormarsch des Internets und der Rezession starke Veränderungen. Harald Justin und Otmar Klammer sehen die Notwendigkeit der Etikettierung in der Vielfältigkeit des Genres und der Formate, die es schwierig machen, diese zu vermarkten und zu verkaufen. Auch fordere das Publikum eine solche. Harald Justin spricht aber sehr wohl davon, dass es kaum mehr möglich sei "ordentliche Jazzkritik oder Musikkritik" zu machen. Dies gehe mit der wirtschaftlichen Lage der meisten Fachzeitschriften und - magazinen (auch im Popmusikbereich)einher, denn "es gibt dann andere Kriterien nach denen man sich richten muss, wenn man eine Kritik schreibt, zum Beispiel nach Anzeigen." Otmar Klammer vertritt den Standpunkt, dass es "sehr wohl noch ernst zunehmende Jazzkritik gibt."
JournalistInnen sind täglich mit sehr vielen Informationen und Neuveröffentlichungen am Musikmarkt konfrontiert, hier ist eine professionelle Pressearbeit gefragt, um aus der Masse herauszustechen. Ebenso hat sich die Anzahl von gedruckten Fachmagazinen reduziert. An deren Stelle sind vielfach Blogs gerückt, doch sind diese Informationen und Rezensionen noch von derselben fachlichen Qualität als früher? Harald Justin sieht z.B. dass die Notwenigkeit für JournalistInnen eine eigenes Archiv aufzubauen wegfalle und auch die Art der Wissensvermittlung und des Schreibens sich dadurch stark verändert habe sowie das Leseverhalten der LeserInnen. Lange Artikel und Interviews von 16 Seiten seien nicht mehr in einem gedruckten Medium unterzubringen, die Leserschaft möchte kleine Häppchen serviert bekommen, informiere sich bei Interesse dann weiter im Internet. Hier könne "man aber keinen Fachjournalismus mehr machen, wie er früher verstanden wurde." Außerdem sei das Internet ein schnelllebiges Medium, einerseits verstärke es die Sichtbarkeit ,aber es sei auch schwieriger als bei Printmedien, die interessanten Dinge zu archivieren.
Otmar Klammer gibt auch zu bedenken für wen geschrieben wird, denn ein Rock- oder Pop-Publikum sei durchschnittlich jünger und für diese bedeute das Internet auch etwas vollkommen anders als für das durchschnittlich ältere Jazzpublikum. Aber auch bei den Tageszeitungen habe es Veränderungen in der Berichterstattung und Rezension von österreichischen MusikerInnen gegeben, dennoch könne noch immer ein größeres Publikum erreicht werden. Es laufe alles stärker in Richtung Dienstleitung und Magazinismus hinaus. Er sieht den großen Unterschied zwischen Printmedien und Internet so: " Im Internet suche ich etwas, in der Zeitung finde ich etwas."
Mehr Gelder von der öffentlichen Hand für Jazz?
Rückblickend hat sich der gesellschaftspolitische Stellenwert des Jazz in den letzten eineinhalb Jahrzehnten verändert. Damals war "die Kulturpolitik noch viel langsamer in der Anerkennung dieser Musikform", so Christoph Huber. In Österreich haben wir nun "den zweiten Bundespräsidenten, der ein deklarierter Jazzfan ist" und eine solche Entwicklung gehe nicht spurlos vorbei. Dennoch wäre es an der Zeit, die "Kulturpolitik direkt aufzufordern" etwas zu tun. Man müsste "kulturpolitisch betrachtet schauen, welche Dinge tatsächlich gefördert gehören? Dann gehöre der Jazz auf jeden Fall dazu. Wahrscheinlich zwar nicht mit den Mitteln und der Konsequenz" die notwendig sind, aber wenn es eine nachhaltige Veränderung geben soll "in Bezug auf Berichterstattung, professionelle Strukturen für Bühnen und ordentliche Pressearbeit für Musiker" müsse nachhaltiger gefördert werden, so der künstlerische Leiter des Porgy & Bess.
Weiters ist er der Meinung, dass "die gesamte österreichische Szene nachhaltig mit dem Investment, das ins Ronacher gesteckt worden ist" gefördert werden könnte. Auch habe Jazz nicht weniger Publikum als die zeitgenössische Musik, aber bekomme bei Weitem nicht so viele kulturpolitische Mittel zur Verfügung gestellt. Es müsse eine Form des Lobbying betrieben werden. Auch Christoph Cech vertritt diesen Standpunkt, denn es sei wichtig für die Selbstdefinition für die dem Jazz zugehörigen MusikerInnen zu sagen: "Moment, ich mache Kunst und zweitens es ist Teil der neuen Musik was ich mache."
Auch in Deutschland habe in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden, so werde seit 1994 regelmäßig der Jazz Award an Produktionen vergeben, die mehr als 10.000 Tonträger in diesem Genre verkaufen, was eine relativ große Zahl in diesem Genre ist, berichtet Harald Justin.