Im Rahmenprogramm des von 05.-08. Mai 2011 zum zweiten Mal stattfindenden Popfest Wien widmet sich neben dem zentralen Live-Programm der Seebühne Karlsplatz eine zweitägige Konferenz den Rahmenbedingungen des aktuellen Popschaffens und den ökonomischen Aspekten der neuen (heimischen) Popmusik. Ästhetische Dimensionen, wirtschaftliche Potenziale und Risiken einer sich rasant wandelnden Branche werden in Diskussionsrunden, Workshops und Vorträgen behandelt, Konzerte des Popfest Wien sind in die Konferenz eingebunden.
Popfest Wien 2011 >> Sessions Programm
Freitag, 06. Mai | project space Karlsplatz | 11.00-18.00 "The Angst"
11.00 Panel: Empowerment vs. Sexploitation - Gender & Popmusik
12.30 Panel: All souled out - Wozu noch Pop?
14.00 Panel: Tod der Popkritik!
15.30 Live: Filou
16.00 Panel: The Nation of Pop - Transkulturalität oder Roots?
17.30 Live: M185
Samstag, 07. Mai | project space Karlsplatz | 11.00-18.00 "The Money"
11.00 Workshop: Marketing - Ten Ways To Promote Your Music On A Budget Under € 1,000.-
12.30 Panel: Verteilungsgerechtigkeit?
14.00 Workshop: Skero, Flip & Wenzl: DIY als Erfolgsmodell
15.30 Live: Bensh
16.00 Panel: Neue Töne Musik Talks: Labeling & Stadtmarketing
17.30 Live: Cardiochaos
FREITAG, 06. MAI | PROJECT SPACE | "THE ANGST"
11.00 - 12.15 EMPOWERMENT VS. SEXPLOITATION - GENDER & POPMUSIK (PANEL, DEUTSCH)
IN KOOPERATION MIT FEMOUS-PLATFORM FOR FAMOUS FEMALE CULTURE, FEMOUS.BLOGSPOT.COM
In den Neunzigern und bis jenseits der Jahrtausendwende wurde von Pionierin Madonna und ihren radikalen (Peaches) und marktkonformen (Kylie) Nachfolgerinnen die Idee des weiblichen Körpers als Instrument der Selbstermächtigung etabliert.
Anstatt sich ins Eck der politisch korrekten, prüden Spaßbremsen zu stellen, wurde die Darstellung von Sexiness zum feministischen Statement umformuliert - allerdings auch sehr zur Erleichterung des Popgeschäfts, das die in den Achtzigern sowohl von der Post-Punk-Generation als auch im frühen Hip Hop erfolgreich in Frage gestellte Ausbeutung weiblicher Stereotypen ab nun als Empowerment verkaufen konnte. Wer sich 2011 durch die Charts-Videos klickt, sieht eine Welt grotesk auf die Spitze getriebener Rollenbilder, die in ihrer Reduktion von Frauen auf selbstbewusste Domina-Figuren einerseits und dauergeile Honeys andererseits die Sexploitation der Disco-Ära locker in den Schatten stellt. Selbst Gegenmodelle und Verfremdungstaktiken (siehe Lady Gaga) kommen im von Marketing
saturierten Popgeschäft nicht ohne massiven Körpereinsatz aus.
Ist die Post-Madonna-Rhetorik des Sexual Empowerment angesichts all dessen noch aufrecht zu erhalten, oder ist sie längst – zynisch resistent gegen jeden Versuch der Überhöhung – zur Entschuldigung für denselben alten Sexismus degeneriert? Wenn ja, wie könnten Gegenstrategien aussehen?
Gäste: Martin Blumenau (FM4), Ursula Maria Probst (Kritikerin, Kunsthistorikerin, Mitinitiatorin des Performancekollektivs "female obsession"), Susanne Rogenhofer (femous, Musikerin/Sweet Susie), Tania Saedi (Musikerin). Moderation: Rosa Reitsamer (Soziologin)
12.30 - 13.45 ALL SOULED OUT - WOZU NOCH POP? (PANEL, DEUTSCH)
Wir befinden uns in einer Zeit von StudentInnenprotesten, Straßenkrawallen gegen Sparpakete und Revolutionen gegen autokratische Regime. In der Popmusik, die jahrzehntelang der schnellste kulturelle Draht der Vermittlung gesellschaftlicher Strömungen war, ist nichts davon zu merken. Die Widerstand symbolisierende John Lennon-Figur zur Zeit ist bezeichnenderweise keinE MusikerIn, sondern ein Computer-Geek wie Julian Assange.
Man könnte argumentieren, die Omnipräsenz des Pop als globaler kultureller Universalkonsens habe zwangsläufig zu einer Banalisierung seiner Produkte geführt. Andererseits war der Verkauf von Rebellengestus und glaubhafter Dissidenz doch immer eines der Kerngeschäfte des Pop-Business. Vielleicht liegt die Erklärung in der Veränderung der ökonomischen Basis der Popkultur: Seit dem Zusammenbruch des Tonträgergeschäfts, ist Popmusik - vom Mainstream bis zur engsten Nische - wirtschaftlich davon abhängig, sich als Instrument zur Vermarktung für die Zielgruppe seines Publikums bestimmter Produkte zu verdingen. Verkauft wird also nicht mehr Rebellion, sondern primär bestenfalls der Turnschuh mit dem rebellischen Image, damit aber auch jede moralische Glaubhaftigkeit oder Anspruch auf Subversion. Hat Pop in diesem Deal seine Funktion als gesellschaftlich relevantes Medium endgültig verloren?
Gäste: Thomas Edlinger (Journalist, Autor, Kurator), Didi Neidhardt (Musiker/DJ, Journalist), Katha Schinkinger (Katha PR/Artist Management Bunny Lake), Alfred Smudits (Institut für Musiksoziologie, Universität Wien). Moderation: Robert Rotifer (FM4, Popfest Wien)
14.00 - 15.00 TOD DER POPKRITIK! (PANEL, DEUTSCH)
Eine Panel-Diskussion zu Zustand und Zukunft des Musikjournalismus.
Der Ruf des Pop-Journalismus ist im vergangenen Jahrzehnt ins Bodenlose gesunken, und das nicht zu unrecht. Mit dem steigenden Aufgebot an veröffentlichten Platten füllten sich die Rezensionsteile in den hinteren Seiten der Musikmagazine, die Zusammenhänge zwischen den verwendeten Superlativen und den Anzeigen im jeweiligen Blatt wurden allzu offensichtlich, die koordinierten Zyklen der Hypes durchschaubar. Steckt hinter dem vielbeschworenen Tod des Albums nicht eher das Versagen der Albumkritik? Ein Genre, das einmal wesentliche Schreiberfiguren wie Lester Bangs, Greil Marcus, Nik Cohn oder Diedrich Diederichsen hervorgebracht hat, ist zum konformen Verlautbarungswerkzeug der schrumpfenden Musikindustrie verkommen, während ernsthafter Radiojournalismus und die Figur des eigenverantwortlich Programm gestaltenden Radio-DJs unter dem Format-Terror der Netzwerkstrategen ins Abseits gedrängt wurde.
Zwar ist der Popjournalismus ins Feuilleton der Tages- und Wochenpresse vorgedrungen, aber den Diskurs hat er dorthin nicht mitnehmen können, weil dessen Codes außerhalb des musikjournalistischen Kontexts nicht verstanden werden. A propos: Gibt es ihn überhaupt noch, den Diskurs? Und wenn nicht, wozu ist Musikkritik dann überhaupt noch da in einer Zeit, in der die Masse der Veröffentlichungen im Internet längst mindestens genauso gut präsentiert und gefiltert wird?
Doch ehe wir das Internet loben: Ist die Wahrnehmung von Musik im Netz tatsächlich globaler geworden oder perpetuieren Netzphänomene wie Pitchfork, Stereogum, The Hype Machine, Drowned in Sound oder The Quietus nicht bloß noch effizienter die angloamerikanische Hegemonie? Wo manifestiert sich die seit Jahren ausgerufene Blüte der Musik-Blogs in einem kleinen Pop-Land wie Österreich?
Gäste: Karl Fluch (Der Standard), Susi Ondrusova (FM4), Teresa Reiter (FM5), Gerhard Stöger (Falter), Wibke Wetzker (Spex).
Moderation: Walter Gröbchen (monkey.)
15.30 - 16.00 FILOU LIVE (WWW.FILOUMUSIK.COM)
16.00 - 17.00 THE NATION OF POP - TRANSKULTURALITÄT ODER ROOTS? (PANEL, DEUTSCH)
In der Welt des Pop konkurrieren zwei Ideale miteinander: Die selbstbestimmte, neuerfundene Identität als Voraussetzung für Glamour versus die authentische Verbindung zu den kulturellen und musikalischen Wurzeln als Voraussetzung für Credibility. Das Pendeln zwischen diesen Idealen ist seit jeher nicht nur der Motor für die Evolution des Pop, sondern auch ambivalentes Kriterium seiner politischen Polung.
Die Art, in der sich ein Popstar über seine/ihre soziale Herkunft, Gender und Ethnie hinwegsetzt, kann sowohl eine egalitäre als auch eine elitäre Utopie verkörpern. EinE Hip HopperIn oder auch RockmusikerIn, der/die die Referenzen auf seine/ihre Ursprünge pflegt, erweckt einerseits Aufmerksamkeit für verdrängte soziale Realitäten, macht sich aber andererseits zum Sprachrohr eines kulturkonservativen Traditionalismus. Beide Modelle haben ihre Probleme mit der Darstellung transkultureller Identitäten und Lebensmodelle, auch in ihrer Wahrnehmung von außen. Wenn etwa eine Maja Osojnik auf slowenisch singt, erwarten die Veranstalter Gute-Laune-Balkan-Sound. Das wohlmeinende Schlagwort Migrant Pop wird zur Stereotypisierungsfalle. Wenn ein Slowake wie Ginga- Sänger Alex Konrad dagegen auf Englisch singt und sein ethnisches Anderssein im großen glamourösen Anderssein des internationalen, sprich angloamerikanischen Pop aufgeht, verzichtet er damit nicht auch auf einen wesentlichen Teil seines Vokabulars zum glaubhaften Erzählen seiner Geschichten?
Den indigenen KünstlerInnen bleibt diese Auseinandersetzung auch nicht erspart: Die schnelle Route zur Kunstfigur via angloamerikanischer Pop-Internationalität beinhaltet die Gefahr, in der fremden Sprache Plattitüden zu produzieren oder vom eigenen Publikum nicht verstanden zu werden. Die sprachliche Anpassung an das größere Deutschland riskiert den Geruch der Hierarchie-konformen Anbiederung. Die nach dem Trauma des Austropop seit einiger Zeit wieder enttabuisierte Verwendung authentischer Mundart kommt einer freiwilligen Verkleinerung des Wirkungskreises gleich, mit der gleichzeitigen Gefahr der Provinzialisierung, doch dem Vorteil, unübersetzt Selbsterlebtes thematisieren und sein Publikum emotional direkt erreichen zu können.
Darüber hinaus fragt sich aber: Wie lässt sich weder das eine noch das andere, nämlich die tatsächliche transkulturelle Realität einer urbanen Gesellschaft im Pop darstellen? Ist das Ausweichen auf die englische Lingua Franca eine Flucht in die Banalität? Bremst der Drang nach Authentizität und Roots den kulturellen Austausch? Verstärken nationale Formen der Popmusik ethnische Trennungen (von Turbo-Folk bis Wienerlied-Referenzen) oder ebnet gerade der Einsatz dieser Elemente den Weg zu einer gegenseitigen Bereicherung? Lassen sich ethnische Elemente in der Popmusik vermischen (Café Olga Sanchez) oder nachempfinden (Russkaja), ohne dabei Kulturraub zu begehen?
Gäste: Kid Pex (Musiker), Alex Konrad (Musiker, Ginga), Maja Osojnik (Musikerin, u.a. Balkon, subshrubs, Maja Osojnik Band),
Todor Ovtcharov (Das Biber, FM4), . Moderation: Robert Rotifer (FM4, Popfest Wien)
17.30 - 18.00 M185 LIVE (WWW.M185.ORG)
SAMSTAG, 07. MAI | PROJECT SPACE | "THE MONEY"
11.00 - 12.15 MARKETING - TEN WAYS TO PROMOTE YOUR MUSIC ON A BUDGET UNDER € 1.000 (WORKSHOP, ENGLISCH)
Speaker: Neil Cartwright, Head of Digital, Media Junction (UK). There are far more bands without money than those who have it. For bands on a limited budget every cent counts. Here are 10 digital marketing ideas which cost next to nothing and can help you squeeze every penny of value from your campaign. Bring your questions along and get tips, suggestions and best value marketing advice.
12.30 - 13.45 VERTEILUNGSGERECHTIGKEIT? (PANEL, DEUTSCH)
IN KOOPERATION MIT VTMÖ, WWW.INDIES.AT
Musik wird heute von vielen Menschen als ein Kulturgut gesehen, für das nicht bezahlt werden muss. Aus technischer Sicht ist das korrekt – aber auch aus ethischer Sicht? Oft hören wir als Grund für diese Gratis-Selbstbedienung, dass bezahlte Entgelte ja ohnedies nicht dort ankommen würden, wo diese Entgelte landen sollten: bei den Artists. Bei Kaffee und Bananen hat „FAIR TRADE“ die Verteilungsgerechtigkeit substanziell verbessert – könnte dies bei Musik auch funktionieren, wäre „FAIR MUSIC“ eine geeignete Antwort?
Es geht hier nicht nur um einen fairen Umgang der Gesellschaft mit Musikschaffenden und vice versa, sondern auch um Verteilungsgerechtigkeit innerhalb der Verwertungsgesellschaften, die Entgelte für geistige Eigentumsrechte kollektiv einheben und in solidarischer sowie fairer Weise verteilen sollen...
Gäste: Ilias Dahimene (SeaYou), Georg Markus Kainz (quintessenz), Klaus Waldeck (Dope Noir). Moderation: Alexander Hirschenhauser (VTMÖ)
14.00-15.00 SKERO, FLIP & WENZL: DIY ALS ERFOLGSMODELL (WORKSHOP, DEUTSCH)
Franz Hergovich (mica – music austria) spricht mit Skero & Flip von Texta und Franz Adrian Wenzl (Kreisky, Austrofred) über ihre Wege zum Erfolg.
15.30 - 16.00 BENSH LIVE (BENSH.TUMBLR.COM)
16.00 - 17.00 NEUE TÖNE MUSIKTALKS: LABELING & STADTMARKETING (PANEL, ENGLISCH)
Die Stadt als Topos in der Popmusik hat eine lange Tradition; London, New York, Berlin gelten als Brennpunkte der Popgeschichte und schufen neben einem Raum für Szenen, Genres und Mythen auch populäre Images der Städte selbst. Begriffe wie die Hamburger Schule, Detroit Techno oder Madchester funktionieren als strukturierende Labels; durch prominente Festivals richten sich nicht nur Schlaglichter auf die auftretenden KünstlerInnen, sondern sie bieten auch ihrem Veranstaltungsort eine internationale Bühne. Wie aber funktionieren diese Zuschreibungsprozesse, in denen die Verortung einiger herausragender KünstlerInnen oder einer ganzen Szene, eines Stils den medialen Fokus auf abgegrenzte urbane Räume richtet?
Kann durch eine bewusste Initiierung und Steuerung solcher Images tatsächlich (internationale) Wahrnehmung geschaffen oder erleichtert werden? Bedeuten nicht etwa solche Anstrengungen im Wettbewerb der Metropolen um mediale Aufmerksamkeit, KulturtouristInnen und wirtschaftliches Wachstum eine Reduktion einzelner künstlerischer Positionen auf gefälliges Standortmarketing?
Nachdem Wien einerseits durch die reiche klassische Tradition, andererseits durch den Hype der elektronischen Musikszene vor mehr als einem Jahrzehnt prominent auf den internationalen Soundlandkarten platziert war, ist es ruhiger um die von Mozart, Falco und Kruder & Dorfmeister geprägte Stadt geworden.
Ein großer Teil der Wertschöpfung aus österreichischem Musikschaffen – in etwa ein Drittel - passiert in Wien; nichtsdestotrotz entzieht sich die neue junge Szene durch ihre Heterogenität noch dem prominenten Etikett der "Welthauptstadt der Musik". Wie sieht heute die Beziehung zwischen Musik und Stadt in Wien aus, wie dicht sind soziale und künstlerische Verbindungen zwischen den vielen ProtagonistInnen des "Popwunders von Wien" wirklich? Welche Standortvorteile nützt die ansässige Musikwirtschaft und wie stellt sich umgekehrt die Stadt durch heimische Kultur und Kreativität dar?
Gäste: Kamilla Ingibergsdóttir (IMX, Iceland Aiwaves), Rainer Krispel (Musiker, Journalist), Katja Lucker (Berlin Music Commission),
Christoph Möderndorfer (Popfest Wien). Moderation: Stefan Niederwieser (The Gap)
Die „Neue Töne Music Talks“, eine Veranstaltungsreihe von departure und The Gap in Zusammenarbeit mit mica - music austria, verstehen sich als Vorbereitung des Fördercalls „Focus Musik“ von departure. Im Juni 2011 startet departure den Themencall „Focus Musik“ unter dem Titel „Neue Töne der Musikwirtschaft“. Für innovative Projekte in der Musikwirtschaft steht eine Gesamtfördersumme von rund 800.000 Euro zur Verfügung. In Zusammenarbeit mit departure und dem Musikwirtschaftsexperten Peter Tschmuck wird The Gap bis dahin neue Perspektiven der Musikwirtschaft beleuchten, erfolgreiche Projekte vorstellen, Entwicklungen aufzeigen. Das Ziel: möglichst gute und weitsichtige Einreichungen. Musik aus Österreich boomt, die Strukturen dafür sollen es auch.
17.30 - 18.00 CARDIOCHAOS LIVE (WWW.MYSPACE.COM/CARDIOCHAOS)
POPFEST WIEN 2011 >> SESSIONS
Eine Fair Music Konferenz in Kooperation mit Popfest Wien 06.-07. Mai 2011 | project space karlsplatz, Treitlstraße 2, A-1040 Wien
weitere Informationen: www.popfest.at | www.aman.ag | www.indies.at | www.mica.at
Popfest Wien >> Sessions ist eine gemeinsame Initiative von AMAN - Austrian Music Ambassador Network, mica - music austria und VTMÖ - Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten Österreich. Die Teilnahme ist kostenlos. Mit freundlicher Unterstützung von departure wirtschaft, kunst und kultur gmbh.