mica-Interview mit Katharina Klement

Im Echoraum in Wien gibt es am 30. Jänner eine öffentliche Veranstaltung des Lehrgangs Computermusik und Elektronische Medien der Universität für Musik. Titel: „Elektroakustische Präsentation“. Zu hören sind neueste Arbeiten der gegenwärtigen Studentinnen und Studenten des „ELAK“-Lehrgangs, die künstlerische Leitung haben Katharina Klement und Wolfgang Musik inne. Katharina Klement  ist Komponistin von vielfältiger instrumentaler wie elektroakustischer und experimenteller Musik, Pianistin, auch Improvisatorin, sowie selbst Lehrgangsleiterin dieses Instituts. Mit ihr sprach Heinz Rögl in einer ihrer knapp bemessenen Arbeitspausen im Café Rüdigerhof

    
Katharina Klement steht im Bereich der experimentellen Elektroakustik für „komponierte Qualität“ ein, unter Einbeziehung von Improvisationselementen und Erweiterungen des Spektrums von Musik. Ihre Ansichten dazu hat sie etwa 2008 in einem lesenswerten Beitrag bei der Podiumsdiskussion „Publikumswandel“ dargelegt, die im Rahmen von Wien Modern von mica-music austria im Konzerthaus organisiert worden war (siehe Link www.mica.at/musiknachrichten/detail_19003.html). Über die Projekte, Werke und Aktivitäten von Katharina Klement informiert die Musikdatenbank (mica-Datenbankeintrag Katharina Klement), umfassender noch und derzeit eine Spur aktueller ihre Website (www.katharinaklement.com).

Heinz Rögl: Liebe Katharina Klement, du hast gerade gesagt, ihr kämpft um die alte Bezeichnung des ELAK. Wie heißt es denn jetzt?

Katharina Klement: Die Umbenennung in „Lehrgang für Computermusik und elektronische Medien“ wurde notwenig, nachdem eine Professur speziell für elektroakustische Musik eingerichtet wurde. Der erste, der diese Professur innehatte, war einige Jahre …

… Dieter Kaufmann …

Weil der Begriff Elektroakustik in die Kompositionsstelle hereingenommen wurde, wurde er aus der Lehrgangsbezeichnung herausgenommen. Aber bis ca. Ende der 1990er hat er noch „Lehrgang für elektroakustische und experimentelle Musik“ geheißen und es tut mir persönlich sehr leid, dass gerade dieser Begriff ‚experimentell’ nicht mehr im Titel zu finden ist, weil etwa auch mich, als ich den Lehrgang besucht habe, das Wort ‚experimentell’ sehr angezogen hat und auch viele andere von uns. Es ist auch ein wesentlicher Punkt, der sehr gut die Arbeitsweise beschreibt, um die es im Lehrgang geht. Also arbeiten, ohne genau zu wissen, was dabei herauskommt, nicht in erster Linie „ergebnisorientiert“.

Abgesehen von Olga Neuwirth als sehr erfolgreicher Komponistin waren ja die „Gründermütter“ der elektroakustischen Komposition neben dir alle eigentlich Frauen. Elisabeth Schimana, Andrea Sodomka … wahrscheinlich habe ich jetzt eine vergessen. Bei dieser von Dieter Kaufmann betreuten Schiene haben Frauen offensichtlich bessere Möglichkeiten vorgefunden sich zu entwickeln und zu entfalten? Darüber hinaus hat das ELAK generell eine ruhmreiche Geschichte, viele wurden auch Elektroakustiker oder Software-Programmierer etc.

Das Interessante ist rückblickend: Die meisten Namen in der zeitgenössischen Szene haben zu einem hohen Prozentsatz diesen Lehrgang durchlaufen oder zumindest einmal an ihn angedockt. Er ist zur Drehscheibe wichtiger Persönlichkeiten geworden, die da ein- und ausgegangen sind. Anfänglich hat der Lehrgang nur zwei Jahre gedauert, man konnte dann noch um ein drittes Jahr Fortsetzung ansuchen. Für mich persönlich war er der absolute Startpunkt meines schöpferischen musikalischen Tuns. Der letzte Kick sozusagen, dass Komponieren zu meiner eigentlichen Identität wurde. Man war mit der elektronischen Musik damals noch mehr als heute unabhängig von Interpreten oder Ensembles. Es gab den unmittelbaren Zugriff auf das klangliche Material, in den 1990ern noch mit Tonbändern.       

Ihr habt noch analog geklebt und „geschnipselt“ …

… geschnitten, ja genau. Und lustigerweise kommt das jetzt wieder auf. Wir haben wieder ein, zwei Tonbandmaschinen installiert, ‚revitalisiert’. Weil das ein ganz großer Wunsch ist von den jungen…

Verdienstvollerweise macht ihr mit dem Echoraum eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Arbeiten der Studentinnen/Studenten aller Jahrgänge. Wie viele sind es?

Vierzehn.

Leiter und Organisator ist gemeinsam mit dir Wolfgang Musil, der schon lange dabei ist.

Der ist seit den Anfängen des Lehrgangs dabei Wolfgang unterrichtet das „elektroakustische Handwerk“, und dazu gehört auch die Live-Elektronik.
Dazu übernimmt er selbst bei zahlreichen Aufführungen zeitgenössischer Werke nach wie vor die schwierigsten live-elektronischen Parts.

Was wird im Echoraum passieren?

Ich finde das Wort ‚Bestandsaufnahme’ ganz gut. Mir liegt daran, jedes Semester öffentlich werden zu lassen, das ist auch ein ungemeiner Ansporn für die Student(inn)en. Fast genau vor einem Jahr hat Ende Jänner, also am Semesterende, diese elektroakustische Präsentation im Echoraum zum ersten Mal stattgefunden. Das war auf allen Seiten ein sehr positives Erlebnis …

… sowohl beim Publikum als auch bei den Studierenden?

Genau. Das Ganze läuft so ab, dass wir schon zwei Tage vorher dort aufbauen können. Es ist eine ausgiebige Probensituation geschaffen – das hat man ja nicht allzu oft, und das ist natürlich ein tolles Labor gerade für die, die erstmals etwa mit mehreren Lautsprechern arbeiten. Die sich einfach einhören müssen, was heißt das überhaupt, Klangregie? Die kommen mit einem Stereo-Stück und es geht jetzt darum, dieses Stereo-Stück auf acht, zehn Lautsprecher aufzuteilen, wie stellt man die auf? Dann gibt es auch einige Beiträge mit Live-Elektronik. Und da gibt es dann meist noch viel mehr zu proben, vor allem mit den Übergängen. Es ist also ein wichtiger Punkt, dass uns Werner Korn den Echoraum drei Tage lang zur völlig freien Verfügung stellt, wir kriegen sogar den Schlüssel. Es ist ein Riesenvorteil – es wird gearbeitet  und ausprobiert und entspricht genau dem Zugang den wir sowieso haben. Und es gibt einen Termin, bis zu dem man fertig werden muss. Das ist bei den Profis ja auch nicht viel anders.

Wie kommt man eigentlich in den Lehrgang hinein?

Wir haben eine Aufnahmspüfung. Die ist aber, das muss man sagen, nicht zu vergleichen mit der Zulassungsprüfung zu Komposition. Am wichtigsten ist der kreative Ansatz, was haben die „los“?

Und ein Bezug zur Neuen Musik ist auch wichtig?

Schon. Prinzipiell ist es mir ganz egal, aus welcher Richtung jemand kommt. Wichtig ist, dass jemand bereit ist sich dem experimentellen Arbeiten zu öffnen. Wir sind kein Ort, wo man „arrangieren“ lernt, das sind wir sicher nicht, da wäre man hier falsch. Und: Es gibt natürlich auch diesbezüglich sehr offene Diskussionen, weil wir oft junge Leute haben, die aus dem DJ- oder Pop/Rock-Background kommen und die dann irgendwie merken, dass es bei uns ästhetisch um andere Dinge geht.

Jedenfalls passiert bei uns ein ‚Öffnen’, ein Kennenlernen der musikalischen Materie und schlussendlich eine Befreiung von den Fertigprodukten, mit denen man es sehr oft zu tun hat. Nämlich gerade im Computerbereich. Software ist leicht zu haben, da gibt es dann meist vorgefertigte plugins, mit denen die meisten gewohnt sind zu arbeiten. Und wenn man dann sagt, weißt du überhaupt was dieses „Preset“ tut? Dann ist es meist die Hörgewohnheit, die weiß, was passiert. Aber dass ein Effekt z.B.  gleichzeitig Verzerrung, Filter und Delay ist, das macht bei Bewusstwerdung die Sache interessanter und man kann letztlich erst dann in die Materie tiefer eindringen. Es ist auch ein Bewusstwerden, dass man sich in Schablonen bewegt.

Hat das dann auch – ich bin da ein blutiger Laie – mit Programmieren zu tun, mit Programme-Schreiben …?

Ja. Soweit man so was in drei Jahren anbieten kann, ist auch Programmieren dabei und es gibt verschiedene Neigungen, manche Leute gehen dann wirklich ins Programmieren hinein. Wir haben jetzt einen Abgänger der in Berlin bei Ableton Programmierer ist, das ist eine ganz große Musik-Software-Firma.

Wir haben auch Leute dabei, die das wenig bis gar nicht interessiert. Die viel lieber mit Samples arbeiten. Es gibt mittlerweile Programme, bei denen man nicht in die tiefsten Programmier-Unterschichten eindringen muss, sondern wo man sozusagen mit Modulen arbeitet, d.h. man patcht sich etwas zusammen. Es gibt z.B. die Software MAX/MSP , die bei uns unterrichtet wird. Das kann man im weiteren Sinn auch als Programmieren bezeichnen, das gehört eigentlich heute sozusagen bereits zum Handwerk, das man braucht.

Im Echoraum sind alle drei Jahrgänge vertreten, die Gender-Parität ist in etwa fifty/fifty, allerdings etwas mehr Männer …

… es sind eigentlich immer mehr junge Männer, die in den Lehrgang kommen. Das muss man sagen, aber es sind auch viele junge Frauen, die sich anmelden und die das machen wollen. Aber es kann sich ja immer wieder ändern.

Wie viele Studenten gibt es derzeit insgesamt am Lehrgang?

Vierzehn – das sind alle! Und es haben sich erfreulicherweise alle zur Präsentation gemeldet.

Das heißt, das ist kein Masseninstitut, es kommen alle zum Zug, es können alle beraten, unterrichtet werden, experimentieren und sie haben eine entsprechend gute Infrastruktur von Möglichkeiten und Equipment.  

Ja. Wir nehmen sechs bis acht Leute auf, die Dropout-Quote ist relativ hoch. Und man muss dazusagen, dass die Studiengebühr für österreichische Verhältnisse leider relativ hoch ist.  Bei einigen geht sich das dann vielleicht finanziell nicht mehr aus.
 
Man hört immer wieder viel vom Institut für elektronische Musik in Graz (IEM). Namhafte Komponisten wie Peter Ablinger, auch Olga Neuwirth arbeiten mit dem zusammen, und der Name etwa von Winfried Ritsch steht für sehr innovative Entwicklungen, zum Beispiel für Ablingers Kompositionen für Player Piano (Schönberg, Fidel Castro …). Gibt es da eine Zusammenarbeit und einen Austausch zwischen Wien und Graz?

Wir hatten in Wien vergangenes Jahr ein Konzert hier auf der Uni, da waren die Grazer vom Institut auch vertreten, wir waren umgekehrt auch in Graz. Und ich kann mir da noch vieles vorstellen.

Gibt es in Wien so jemand wie Ritsch?

In dem Sinne, wie er er arbeitet, glaube ich nicht. Vergleichbares leistet Wolfgang Musil, er arbeitet zum Beispiel auch viel mit Bernhard Lang zusammen.  Der Bruder Wolfgangs, Thomas Musil und Winfried Ritsch können am Grazer Institut auch sehr spezielle Aufträge annehmen. Die sind ein bisschen anders verankert und gelagert. Dort steht, glaube ich, ein bisschen mehr die Forschung und das Technische (Anm.: Toningenieur-Ausbildung) im Vordergrund. Andererseits: So was wie den Lehrgang, den wir hier anbieten, gibt’s dort nicht.

Zurück zum Echoraum. Wie lange werden die einzelnen Stücke dauern?

 
Unterschiedlich. Von drei-vier Minuten aufwärts. Es gibt etwa Stereo-Arbeiten, d.h. im Studio  bereits  vorgefertigte Stücke, die dann im Raum über mehrere Lautsprecher wiedergegeben werden. Bis hin zu live-elektronischen Aufführungen, auch instrumental, z.B. E-Bass. Oder Objekte, die man mittels pickups verstärkt. Der längste Beitrag wird vielleicht 15-20 Minuten sein. Das überlasse ich auch den Leuten. Und wir lassen uns auch überraschen. Bis ins Kleinste weiß ich nicht, was genau kommt. Aber teilweise wissen es die Leute auch nicht, denn viele wesentliche Dinge passieren dann noch am Tag davor.

Ich möchte zum Schluss noch die monatliche Elak-Gala im brut im Konzerthaus erwähnen, die von Lehrgangsabgängern gegründet worden ist – ein Forum, eine Plattform, die sich in den letzten fünf Jahren entwickelt hat, wozu der Lehrgang nicht unwesentlich beigetragen hat, allein schon dadurch, dass es den gibt. Eine junge elektronische Szene setzt sich da fort …

… und es geht ja um Austausch, um Offenheit, um Diskussion, um eine „Szene“ zu entwickeln! Und auch um Generierung eines Publikums!

Ich muss sagen, es gibt unglaublich viel junges Publikum dort, die kommen, die haben auch Zeit. Das war zu meiner Zeit ja noch nicht so. Man konnte die Sachen damals nicht so einfach irgendwo hintragen. Die Technik hat sich schon sehr verändert. Wenn sich etwas revolutioniert hat im zeitgenössischen musikalischen Bereich, dann vor allem in der elektronischen Szene.

Noch ein Wort zu dir. Du bist mit eigenen Produktionen und auf Festivals usw. sehr präsent. Leidet das unter deinem Engagement in der Lehrtätigkeit mitunter? Ist das manchmal zuviel?

(Lacht). Sicher. Wenn ich was tu, will ich es ganz tun. Die Lehrverpflichtung nimmt viel Zeit weg und Energie, das ist ja ganz klar. Aber ich schaffe den Spagat noch irgendwie. Wer weiß, was die Zukunft bringt. Ich sehe mich in erster Linie als schöpferischer Mensch, als Komponistin und erst in zweiter Linie als Lehrperson …

Ich möchte dir auch persönlich gratulieren zu deinen Jandl-„Zwischenaktmusiken“, die ich beim Gastspiel von dramagraz im Echoraum kürzlich hören konnte.

Danke. Ich darf das ein bisschen relativieren. Die Musik gab es schon vorher, die wurde von mir nicht speziell für das Jandl-Stück komponiert und ich erteilte die Erlaubnis, dass das dramagraz verwenden kann. Aber für eine neue Produktion schreibe ich definitiv eine Musik zu einem Stück von Ernst Binder, dem Regisseur. Ein langer Titel1) …

Liebe Katharina, danke für das Gespräch.

Echoraum:
Elektroakustische Präsentation
30. Jänner 2010, 20:00 Uhr
    
Studentinnen und Studenten des Lehrgangs Computermusik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien präsentieren ihre neuesten Arbeiten :

Markus Buchacher
Rochus Ebeleseder
Valeri Ebm
Reinhard Dundler
Matthias Hafner
Birgit Liedtke
Philipp Madeiski
Alexander Mairhofer
Matthias Matzer
Leon Naffin
Caroline Profanter
Per Salkowitsch
David Seitz
Marcia Steflitsch

Künstlerische Leitung : Katharina Klement / Wolfgang Musil

Anm. (1):

(WAS HÄNGT DAS LEBEN TIEF WIE NEBEL ÜBERM)  – KUKURUZ
von Ernst Marianne Binder
Musik: Katharina Klement

Premiere: 19. Februar 2010, 20:00 Uhr
dramagraz, Schützgasse 16 (Volkshaus), 8020 Graz

Weitere Termine:
20. und 24. bis 27. Februar 2010 und 3. bis 6., März 2010, dramagraz (Volkshaus), 8020 Graz
10. bis 13. März 2010, Echoraum; Wien

 

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