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„Meine Nationalität ist Mensch“ – mica-Interview mit Protestsongcontestsieger DANYÁL

Vor mehr als 30 Jahren sind Danyáls Eltern von der Türkei nach Deutschland gekommen, er selbst wurde in Deutschland geboren. Gesungen hat Danyál zu Hause schon immer, aber erst mit 21 Jahren hat er ernsthaft mit dem Musikmachen begonnen. Bei der Casting-Show The Voice Of Germany hat er ein paar Runden lang teilgenommen – und am 12. Februar 2017 hat er mit dem Lied „Hosgeldiniz (Reißt die Arme auf)“ den Protestsongcontest 2017 gewonnen. Wie das Lied entstanden ist und wie es bei The Voice Of Germany war, hat er Jürgen Plank erzählt.

Seit wann sind Sie Sänger?

Danyál: Seit ich reden kann, habe ich auch gesungen. Singen ist meine große Leidenschaft, das Schöne daran ist: Wenn man singt, kann man sehr gut abschalten. Ich glaube, dass jeder Sänger und jede Sängerin dieselbe Einstellung dazu hat: Man ist zum Singen gekommen, weil es möglich ist, weil man eben singen kann. Wenn man das Talent dazu hat, ist es leicht, das auszuleben. Beim Fußball habe ich auch die Leidenschaft, aber vielleicht nicht das krasse Talent, um etwas zu erreichen.

Dann kommt jetzt eine Sportreporter-Frage: Sie haben soeben den Protestsongcontest 2017 gewonnen. Wie war dieser Sieg?

Danyál: Es war auf jeden Fall ein richtig geiles Gefühl. Ich bin da im Publikum gestanden und habe die Konkurrenten beobachtet und ich fand jede Gruppe auf ihre eigene Art richtig gut, sodass ich die zweite Band, Tombadour, als Favoriten gesehen habe. Dann kamen noch Simon & Jan dazu und die fand ich auch sehr gut. Ich hatte schon Optimismus und habe den Sieg aber auch den anderen TeilnehmerInnen gegönnt. Zu gewinnen, war mir nicht so wichtig. Das schönste Gefühl ist, dass die Arbeit, die wir in das Lied gesteckt haben, Wert geschätzt wird.

Wie haben Sie die Veranstaltung Protestsongcontest wahrgenommen?

Danyál: Ich fand den Zweck der Veranstaltung super, weil jeder aus eigener Überzeugung an die Sache heran gegangen ist, um gegen etwas zu protestieren. Gegen Dinge, die einem auf dem Herzen liegen, aus der Seele zu schreiben und zu performen. Selbst ein Teil des Protestsongcontests zu sein, ist geil und dann auch noch zu gewinnen, ist die Krönung.

„Allein schon wegen der Erfahrung, war es wertvoll, bei The Voice Of Germany dabei zu sein“

Sie haben in Deutschland an der Casting-Show The Voice Of Germany teilgenommen. Liegen Ihnen überhaupt Formate, bei denen man sich mit anderen misst?

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Danyál (c) Jürgen Plank

Danyál: Ich bin nicht jemand, der überall teilnimmt, um zu gewinnen. Allein schon wegen der Erfahrung, war es wertvoll, bei The Voice Of Germany dabei zu sein. Ich wollte einfach Erfahrung sammeln. Mir haben viele gesagt: Du bist ein Rohdiamant, du musst nur noch geschliffen werden. Ich wollte versuchen, das Talent, das ich bekommen habe, umzusetzen. Dafür habe ich einfach diese Casting-Show gebraucht, damit ich ein bisschen mehr aus mir heraus gehe. Beim Protestsongcontest ist es mir nicht darum gegangen, zu gewinnen, sondern teil zu nehmen und das zu sagen, was mir am Herzen liegt.

Wie ist das Siegerlied „Hosgeldiniz (Reißt die Arme auf)“ entstanden und was ist der Hintergrund dazu?

Danyál: Das Lied ist aufgrund meines eigenen Hintergrundes entstanden. Ich denke, dass jeder Migrant, der integriert ist, ungefähr dieselben Erfahrungen durchleben musste. Den Text kann man zu 100 Prozent auf meine Geschichte übertragen. Ich habe immer gemerkt, dass ich fremd und ein Außenseiter bin. Schon in der Grundschule habe ich gemerkt, dass die Leute einen anders anschauen. Das wollte ich mit diesem Lied umsetzen. Und viele haben mir gesagt, dass dieses Lied auch ihre eigene Geschichte beschreibt.

„Ich gehöre keiner Nationalität so richtig an, aber ich denke: Mensch ist Mensch“

Sie stehen selbst durch Ihre Vergangenheit zwischen den Welten, zwischen Türkei und Deutschland. Wie nehmen Sie das selbst wahr?

Danyál: Meine Nationalität ist Mensch, das sage ich oft so. Für mich ist der Charakter am wichtigsten, wie man einander versteht. Ich gehöre keiner Nationalität so richtig an, aber ich denke: Mensch ist Mensch.

Der Text beinhaltet deutsche und türkische Zeilen. Was sagen Sie denn auf Türkisch?

Danyál: Am Anfang heißt es: Vater, schau’ wie gut ich Deutsch kann. Die türkischen Zeilen bedeuten so viel wie: „Von nun an ist das unser Zuhause, mein Sohn / hier kannst du alles schaffen / du musst nur an dich glauben.“ Das hat mein Vater mir als Vorbild gezeigt, dass wirklich alles möglich ist, man muss nur an sich glauben.

In Europa gibt es aber auch Krisenländer und die Mittelschicht bricht immer mehr weg. Stimmt das wirklich noch, dass man alles erreichen kann, wenn man sich nur anstrengt?

Danyál: Mittlerweile ist es auf jeden Fall schwieriger geworden. Ich will jetzt nichts verallgemeinern, aber ich denke schon, dass man es als Ausländer etwas schwerer hat, etwas zu schaffen. Man muss sich zuerst diesen Respekt erarbeiten. Man muss zeigen, dass man integriert ist. Man muss zeigen, dass man etwas machen möchte und dass man es Wert schätzt, dass man in einem neuen Land diese Möglichkeiten bekommt. Diese Zeit, die damit drauf geht, können Einheimische einfach überspringen. Aber wenn man hart genug arbeitet, kann man es schaffen. Die Voraussetzungen sind jetzt auf jeden Fall besser, aber die Konkurrenz ist größer.

Sie haben bei The Voice Of Germany verschiedene Musikrichtungen gesungen, nun sind Sie beim Rap gelandet, wie kam das?

Danyál: Bei The Voice Of Germany war es so, dass ich einfach die Musik gesungen habe, mit der ich aufgewachsen bin: Soul, Pop und R & B. Das Lied „Hosgeldiniz (Reißt die Arme auf)“ ist schon eher rappig, Hip-Hop, aber ich habe auch bei The Voice Of Germany gesagt, dass ich das auch singen kann, auch auf Deutsch. Aber dort ist mein erster Auftritt mit R & B und Soul so gut angekommen, dass sie mich in dieser Richtung belassen wollten. Mit Sprechgesang kann man einfach viel Inhalt, sehr emotional und mit viel Aussagekraft transportieren.

Rap ist die Widerstandskultur von Jugendlichen weltweit.

Danyál: Ja, das stimmt. Der Fokus lag für uns am Text und da Rap sehr aktuell ist, haben wir versucht, Rap ein wenig einzubauen.

Wie geht es weiter, was sind die nächsten Schritte? Mit dem Sieg beim Protestsongcontest haben Sie auch einen Abend im Rabenhof-Theater gewonnen.

Danyál: Wir arbeiten gerade an einem Album und das Ziel ist, unsere Lieder an den Mann zu bringen. Wir werden weiter an der Musik arbeiten und hoffen, wieder auf einer Bühne wie im Rabenhof zu stehen. „Hosgeldiniz (Reißt die Arme auf)“ war jetzt das erste Lied von mir, das ich auf einer Bühne performed habe und es gibt noch andere Lieder von mir, die auch richtig geil klingen, die ich gerne auf einer Bühne performen möchte und diese Lieder im Herbst im Rabenhof zu singen, bietet sich an.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Ihrem Produzenten Matthias Dünkelmeyer?

Danyál: Wir haben einander 2014 kennen gelernt, nachdem Matthias meinen ersten Auftritt auf Youtube gesehen hat. Er hat mich angerufen und wir haben uns getroffen und ab dem ersten Tag haben wir uns super verstanden. Dann haben wir einfach angefangen, das muss man sich im Studio so vorstellen: Er sitzt am PC, ich sitze auf der Couch und wir beginnen einfach, Ideen auszutauschen. Das Fundament für eine Musikkarriere ist für mich da, die Voraussetzungen sind auf jeden Fall da, weil wir super zusammen arbeiten.

Und die Musik kommt dann von Dünkelmeyer?

Danyál: Genau, ich bin sehr froh, dass er so gute Fähigkeiten hat, einen Song aufzubauen. Oft fängt es mit 4 Akkorden an und dann überlegt man, in welche Richtung es gehen soll und wenn alles gut harmoniert, produzieren wir das Lied fertig.

Sie studieren auch Betriebswirtschaft, ist das der Plan B, falls es mit der Musikkarriere nicht klappen sollte?

Danyál: Ich denke, dass man etwas Handfestes braucht. Denn man hat keine Garantie dafür, dass man mit der Musik Erfolg haben wird. Es schadet also nicht, sich nebenbei noch eine Absicherung zu erarbeiten.

Danke für das Gespräch.

Jürgen Plank

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