Jazz Revue Bruckner (c) Barbara Brandstätter

„Ich genieße Musik einfach“ – mica-Interview mit MICHAEL BRUCKNER

Der Gitarrist und Komponist MICHAEL BRUCKNER ist unter anderem in Projekten wie NIFTY´S oder ZUR WACHAUERIN aktiv. Für das Wienerlied-Festival WEAN HEAN, das von 21. April bis 18. Mai 2017 in Wien stattfindet, gestaltet er einen Abend: unter der Überschrift „wean swing“ kommt erstmals die JAZZ REVUE BRUCKNER zur Aufführung. Was es mit der Revue-Idee auf sich hat und warum er sich gerne von der Natur inspirieren lässt, hat MICHAEL BRUCKNER im Interview von Jürgen Plank erzählt.

Wie kam es zur Teilnahme an Wean Hean 2017?

Michael Bruckner: Ich war in den letzten Jahren oft bei Wean Hean dabei, meistens in der Reihe Wean Jazz bzw. Weana Korn, mit Hannes Löschel, Matthias Koch, Bernd Satzinger und Gästen. Einmal mit den Strottern, mit dem Kollegium Kalksburg oder mit Walther Soyka und Karl Stirner. Für heuer habe ich dem Festival mein neues Projekt Jazz Revue Bruckner vorgeschlagen.

Was ist Jazz Revue Bruckner bzw. Revue Bruckner?

Michael Bruckner: Die Revue als Form ist für mich ein Rahmen, in dem ich mich künstlerisch mit allem auseinander setzen und beschäftigen kann, was mich interessiert: diverse Musik, Performance, Tanz, Installation, Gesprochenes und Gesungenes zu unterschiedlichsten Themen. Die Revue verweist darauf, dass es einen interdisziplinären Zugang gibt, schräge  Nummern, ohne zwingenden Zusammenhang mit Ecken und Kanten und insgesamt lebensbejahend und erhebend. Das war die Idee bei der Namensgebung. Bei Wean Hean gibt es heuer die Premiere der Jazz Revue Bruckner.

Wer wird dabei sein?

Michael Bruckner: Die Stammband sind Valentin Duit am Schlagzeug, Andreas Waelti am Bass und Philipp Jagschitz am Klavier und Akkordeon. Zu den einzelnen Revuen werden Gäste eingeladen, an diesem Abend wird Andreas Schreiber an der Violine dabei sein und Christiane Beinl und andere TanzaktivistInnen von der IG Hop.

Wie ist die Revue aufgebaut?

Michael Bruckner: Der erste Teil der Revue geschieht im gewohnten Konzertsetting. Im zweiten Teil des Abends gibt es fürs Publikum eine kurze Einführung in den Lindy Hop, den bekanntesten Swing-Tanzstil der 1930er-Jahre. Danach wird gemeinsam getanzt. Musikalisch liegt der Fokus natürlich auf Tanzmusik, auf der Interpretation traditioneller Stücke, von New Orleans bis Dixie, von Ragtime bis zur Swing-Ära. Und ein weiterer Einfluss wird von Rockabilly, Rock’n’Roll und Country bis hin zu Schlagermusik reichen.

Dazu wird im Porgy & Bess eine Tanzfläche aufbereitet.

Michael Bruckner: Genau, der Parkettboden vor der Bühne, der sich als Tanzfläche anbietet, wird frei geräumt und alle sind eingeladen, sich zu bewegen. Für mich ist dieser Zugang untrennbar mit dem Jazz verbunden, nämlich die Bewegung zur Musik. So wie Jazz bei uns gehört und auch an den Universitäten gelehrt wird, ist er oftmals entkörpert. Mir war es ein Anliegen, den Schwerpunkt auf den körperlichen und lebensfrohen Aspekt zu legen.

Wie verbinden sich Tanz und Bewegung an diesem Abend?

Michael Bruckner: Im Gespräch mit Christiane Beinl von der IG Hop ist klar geworden, dass es bisher wenig Vermischung gibt. Die Tanzszene ist eher unter sich und die Jazz-Musikszene ist unter sich. In Wien boomt seit Jahren der Swing-Tanz und wir machen den Versuch, das, was für mich total logisch ist und zusammen gehört, zusammen zu führen. Christiane wird auch singen, sie ist auch Musikerin, unter anderem bei [dunkelbunt] und The Cotton Lickers.

„Die Swing und Rock’n’Roll-Szene hat immense Auswirkungen auf die Schlagerszene der 1950er und 1960er Jahre gehabt“

Im Pressetext ist von Schlagertexten die Rede, was wird in diese Richtung geboten?

Michael Bruckner: Das geht in Richtung Trude Herr mit „Ich will keine Schokolade“ oder ähnliches. Oder mit „Schmidtchen Schleicher“ eine wunderbare Charleston-Nummer von Nico Haag. Die Swing und Rock’n’Roll-Szene hat immense Auswirkungen auf die Schlagerszene der 1950er und 1960er Jahre gehabt. Da gibt es einige Schätze, die wir im zweiten Teil des Abends interpretieren werden. Im ersten Teil ist der Fokus auf Eigenkompositionen gelegt.

Wird Peter Kraus auch dabei sein?

Michael Bruckner: Das kann gut sein, ja.

Wodurch lassen Sie sich für die Jazz Revue Bruckner noch inspirieren?

Michael Bruckner: Da würde ich noch Helmut Qualtinger erwähnen und Fatty George, sowie Vertonungen von Francois Villon, die gibt es in sehr guten Übersetzungen von H.C. Artmann. Sowie Stücke aus dem Wiener Chanson und Kabarett-Bereich. Das ist als Hintergrund da und spürbar.

„Es wird auch immer Improvisation geben, das ist bei allen meinen Projekten so“

Grundsätzlich: Welche Formen von Revue sind für Sie noch vorstellbar?

Michae Bruckner (c) Tanja Steiner

Michael Bruckner: Es geht mir darum in unterschiedlichen Settings und Festivals musikalische Räume zu öffnen, die sich auf den jeweiligen Anlass beziehen und gleichzeitig von Erwartetem weggehen. Das ist bei einem Wienerlied-Festival vielleicht Geräuschmusik bzw. schrägere Improvisation und das ist bei einem zeitgenössischen Festival vielleicht ein Dur-Dreiklang, der dann irritierend sein kann. Es wird auch immer Improvisation geben, das ist bei allen meinen Projekten so.

Setzen Sie sich selbst für die geplanten weiteren Revues musikalische Grenzen?

Michael Bruckner: Ich mache da keine musikalischen Einschränkungen, weil ich für mich keine Musik ausschließen kann. Ich stehe eigentlich auf fast alle Genres, die es so gibt und es braucht alles nur seine Zeit und den Rahmen. Ich genieße Musik einfach. Eine Revue haben wir schon gespielt, das war die Schreck Revue, beim Another Festival zum Thema Terror, Lügen, Datenklau. Am 10. Juni wird es im WUK bei einem Liebessymposium die L’amour Revue Bruckner geben.

Womit möchten Sie sich noch auseinandersetzen?

Michael Bruckner: Für mich sind die Natur und die Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Themen zentral und diese Inhalte werden in gesprochener Form auf die Bühne kommen.

Wie ist dieses Interesse für Natur und für Wissenschaft entstanden?

Michael Bruckner: Seit der Kindheit ist dieses Interesse gewachsen, einerseits in der theoretischen Beschäftigung damit, aber auch im direkten Erleben. Ich bin fast jeden Tag im Wald und seit mehr als 20 Jahren fotografiere ich im Makrobereich: Insekten, Pflanzen, Pilze usw. Ich sitze zum Beispiel im Sommer gerne in einer Wiese und ein Quadratmeter Natur wird zu einem unendlichen Kosmos.

Gehen Sie auch in die Natur und komponieren, irgendwo im Wald sitzend?

Michael Bruckner: Doch. Das ist mitunter die kreativste Zeit. Manchmal ist es tatsächlich so, dass ich in den Wald hinein gehe und es löst sich spontan irgendetwas auf und ich entspanne mich. Das ist auch ein Zustand, in dem sehr viele Ideen kommen und Kreativität im Umgang mit musikalischen Inhalten entsteht.

Sie spielen auch bei Zur Wachauerin, wie wichtig sind Ihnen musikalische Traditionen bzw. Volksmusik als Inspiration?

Michael Bruckner: Zur Wachauerin hat begonnen als ich zirka 19 oder 20 Jahre alt war. Österreichische Volksmusik war für mich bestimmt die Musik, bei der ich am längsten gebraucht habe, um einen Zugang zu finden. Das hat in der Pubertät keinen Platz gehabt. Aber mit 19 oder 20 Jahren habe ich bemerkt, was in der österreichischen Volksmusik an Schätzen drinnen steckt. So ist es für mich zur Beschäftigung mit diesen Wachauer-Liedern gekommen.

Wie ging es dann weiter?

Michael Bruckner: Mein Weg war dann, mich mit dieser Musik auseinander zu setzen und zu schauen, was mich an den Wachauer-Liedern wirklich anspricht und was eher nicht. Die ersten Ergebnisse waren doch recht experimentelle Interpretationen der Stücke, mikrotonal verstimmt, klanglich verfremdet und mit ausgedehnten Improvisationen versehen. Mit Fabian Pollack habe ich einen wunderbaren Partner für diese Musik gefunden. In weiterer Folge habe ich Autor Wolfgang Kühn gefragt, ob ihm etwas zu meinen Interpretationen der Wachauer-Lieder einfällt. So hat dieses Projekt begonnen.
In der Beschäftigung mit traditioneller Musik muss ich oft an Joachim Ernst Berendt denken, der einmal gesagt hat: „Wer die Kulturen rein halten will schwächt sie.“ In diesem Sinne beschäftige ich mich weiterhin mit allem Möglichen und mische wild durcheinander was nicht, oder vielleicht doch zusammen gehört.

Danke für das Gespräch.

Jürgen Plank

Termine
Do 18.5.2017: Jazz Revue Bruckner, Wean Hean, Porgy & Bess, 20:30h
Sa 10.6.2017: L´amour Revue Bruckner, WUK, Liebes-Symposion, 20.00h

Links:
Michael Bruckner