Bild Leo Taschner
Leo Taschner (c) Nele Renzenbrink

„Das Solo-Projekt lässt mir sehr viel Raum“ – mica-Interview mit LEO TASCHNER

LEO TASCHNER von der Band JANA & DIE PIRATEN legt nun sein Soloalbum „Weniger is nix“ (Lindo Records) vor: Auf Wienerisch bzw. Deutsch geschriebene Texte werden musikalisch von rhythmischem Gitarrenspiel unterstützt. Im Interview mit Jürgen Plank erzählte LEO TASCHNER, welche Unterschiede er zwischen Band und Soloprojekt sieht, sprach über Melancholie und sein verlängertes Wohnzimmer, das WERK am Wiener Donaukanal.

Was macht ein Lied von Leo Taschner aus?

Leo Taschner: Gute Frage. Ich würde sagen, typisch für mich ist, dass ich meine Texte auf Deutsch bzw. Wienerisch schreibe. Mein Gitarrenspiel ist recht rhythmisch. Thematisch würde ich sagen: Ich habe schon meine depperte Seite, wo ich für mich lustig bin, aber oft geht es in meinen Liedern um Trennungen, um einen Aufbruch, darum, irgendetwas hinter sich zu lassen.

Warum verpacken Sie diese Themen in Lieder?

Leo Taschner: Das weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, wie ich meine Lieder schreibe. Manchmal ziehe ich sie aus der Luft und weiß erst im Nachhinein, worum es eigentlich geht. Ich habe oft Lieder, die zwischen den Zeilen sprechen, da überlege ich vorher keine Richtung, in die ein Text gehen könnte. Das passiert tatsächlich beim Schreiben eines Liedes.

Wie komponieren Sie?

Leo Taschner: Oft ist eine Melodie da und die Worte ergeben sich automatisch, oft schreibe ich Gedichte. Vielleicht auch während der Arbeit oder irgendwo, wo ich gerade etwas anderes tun sollte. Aber ich klinke mich dann aus und mir fallen Worte ein und daraus entsteht dann ein Lied.

Jana & die Piraten ist ein Bandprojekt von Ihnen. Was macht den Schritt zum Soloprojekt aus? Worin besteht der Unterschied?

Leo Taschner: Ich spiele seit Sommer 2015 solo und genieße sehr die Freiheit, mich mit niemandem abstimmen zu müssen, auch keine Probentermine. Das, was ich mir überlegt habe, bringe ich live unverfälscht auf die Bühne. Bei Jana & die Piraten gibt es doch ein klassisches Trio-Format, bei dem ich zwar auch viele Lieder schreibe, aber wir auch gemeinsam viele Songs schreiben. Da passieren typische Bandprozesse, wo man sich mit den Kollegen reibt. Man feilt gemeinsam am Arrangement, es gibt keinen Chef, der sagt, wie etwas zu sein hat, sondern man macht sich das im Trio aus. Darin bestehen für mich die Unterschiede. Was ich am Soloprojekt schätzen gelernt habe, ist diese totale Reduktion auf ein Instrument und auf meine Stimme. Das Soloprojekt lässt mir sehr viel Raum. Und das genieße ich total.

„Für mich ist das Werk mittlerweile zum verlängerten Wohnzimmer geworden“

Sie haben in den letzten Monaten eine Serie von Konzerten im WERK in Wien gespielt. Was bedeutet dieser Ort für Sie?

Leo Taschner: Das WERK ist ein Lokal am Donaukanal, dort finden viele Konzerte und Clubveranstaltungen statt. Ich hatte da eine fixe Veranstaltung, jeden zweiten Mittwoch im Monat. Da wird das WERK in ein kleines Wohnzimmer umgewandelt, der Barbereich ist offen und es herrscht eine gemütliche Atmosphäre. Das ist für mich eine Art Homebase geworden, dort habe ich mein Stammpublikum und probiere neue Lieder aus. Für mich ist das WERK mittlerweile zum verlängerten Wohnzimmer geworden.

Demnächst erscheint „Weniger is nix“, Ihr erstes Soloalbum. Wie war der Produktionsprozess und was wird darauf enthalten sein?

Cover Weniger is nix
Cover „Weniger is nix“

Leo Taschner: Da sind ganz neue Lieder drauf, aber auch ein paar ältere Stücke sind dabei, die noch nicht erschienen sind. Ich habe mich allein in einen Mietproberaum zurückgezogen und habe viel geübt und aufgenommen. Dann habe ich in einem ganz kurzen Arbeitsprozess von circa drei Wochen gemeinsam mit meiner Koproduzentin – meiner Frau – beurteilt, welche Lieder gut funktionieren und sich leicht anfühlen. So hat sich eine Setlist ergeben.

Aufgenommen habe ich dann im Studio von Chris Janka. Da habe ich auch einen reduzierten Live-Ansatz umgesetzt, das heißt, ich habe alle Lieder live eingespielt. Und wenn die Spuren der akustischen Gitarren gepasst haben, habe ich noch eine E-Gitarren-Spur dazu gespielt.

Wie kam es zum Albumtitel „Weniger is nix“?

Leo Taschner: Das ist eine Zeile aus dem Lied „Polarmeer“, das auch auf dem Album ist. Aber „Weniger is nix“ steht auch für die Reduktion bei diesem Album. Es gibt Live-Takes mit ein paar kleinen Verzierungen. Wenn da noch weniger wäre, dann wäre nichts mehr da.

„Bei diesem Album habe ich selbst das Gefühl, dass da nichts vom Text ablenkt.“

Bekommen die Texte durch diese Reduktion mehr Gewicht?

Leo Taschner: Aus meiner Sicht auf jeden Fall. Bei diesem Album habe ich selbst das Gefühl, dass da nichts vom Text ablenkt. Da ist nichts überfrachtet, da ist überall viel Luft. Ich habe bei diesen Liedern das Gefühl, dass nichts vom Song ablenkt und dadurch die Texte stärker wirken.

Sie haben zuvor das WERK als Homebase mit Stammpublikum erwähnt. Wer sind denn die typischen Fans?

Leo Taschner: Ich glaube, dass mein Publikum tatsächlich gerne zuhört. Still ist, sich zusammenreißt und auch versucht, in einem Club leise zu sein, um die Worte zu verstehen. Das hat eine eigene Wirkung, wenn man Lieder auf Wienerisch und auf Deutsch schreibt, die die Leute meiner Erfahrung nach viel direkter treffen können. Im WERK bin ich regelmäßig liebevoll aufgenommen worden, da spiele ich immer „auf Hut“, da geht also die Spendenbox durch. Und ich habe da schon mehrmals Geschenke erhalten, bis hin zu Telefonnummern. Manchmal auch verpackte Geldgeschenke und ausländische Münzen. Die Leute freuen sich auch über diesen Fixtermin, wo sie immer wieder die gleiche Musik hören können. Vielleicht weil das so eine Art Stammlokal-Effekt ergibt. Gewohnheiten und Dinge, die sich wiederholen, sind generell ein Bedürfnis der Menschen.

Was hat dafürgesprochen, Wienerisch und Deutsch zu verwenden, und was hat dagegengesprochen, in englischer Sprache zu singen?

Leo Taschner: Eine andere Sprache kommt gar nicht infrage, weil ich keine andere Sprache spreche. Manchmal überkommt es mich und ich schreibe einen englischen Text, aber das kommt sehr selten vor. Inzwischen schreibe ich meiner eigenen Schnauze folgend. Im Wienerischen hat man einen anderen Drive als auf Hochdeutsch. Durch diese Alltagssprache kann man ganz direkt bei Menschen andocken.

Leo Taschner: Das Lied ist entstanden, nachdem ich einen ganzen Abend lang mit meiner Frau getanzt habe. Ich bin wie berauscht nach Hause gekommen und habe dann am nächsten Tag – zwischen unsinnigen Verkaufsgesprächen in meinem damaligen Callcenter-Job – diesen Text geschrieben. Es geht für mich ums Tanzen, aber auch um eine Herbstdepression oder eine Herbstmelancholie, die sich oft in meine Lieder schleicht, weil ich einfach ein melancholischer Mensch bin. Ich freue mich also einerseits über das Tanzen, bin aber traurig, dass ich nicht besser tanzen kann.

Welche Kreise soll das Album ziehen?

Leo Taschner: Ich würde mir wünschen, dass es überall im Radio läuft. Ich würde mich zwar nicht so weit hinauslehnen, zu sagen, es wäre breitenwirksame Musik, Musik für die Masse. Aber meiner Meinung nach sind gerade die Songschreiberinnen und Songschreiber, die auf Deutsch und auf Wienerisch Musik machen – und das sind in ganz Österreich unglaublich viele –, absolut unterrepräsentiert.

Warum ist das so?

Leo Taschner: Es wird dann oft argumentiert, dass das keinen interessiert und dass das nicht massentauglich ist. Aber was mir ein bisschen fehlt, ist ein gesundes Selbstbewusstsein seiner eigenen Sprache gegenüber und auch den eigenen Künstlerinnen und Künstlern gegenüber. Es ist so viel Gutes da, dass ich finde, es braucht mehr Platz in privaten und öffentlich-rechtlichen Radios. Das wünsche ich mir für meine Musik.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

Leo Taschner live
25.02. Dakig, Gänserndorf
02.03. Werk, Wien – Album Präsentation
10.03. Sing, Song & Soundslam, Grind, Wien
15.04. Café Mocca, Wien

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