Bild Bernhard Günther
Bernhard Günther (c) Anna-Katharina Scheidegger

„Die Aufgabe ist es, daraus verdammt nochmal das Beste zu machen.“ – BERNHARD GÜNTHER im mica-Interview

Mitte Oktober führten Armin Thurnher und Heinz Rögl mit dem neuen Chef und Kurator von WIEN MODERN, BERNHARD GÜNTHER, ein Interview für die Zeitschrift FALTER (Nr. 43, 2016), das nunmehr hier, weitgehend in der Langfassung der Gesprächstranskription von Heinz Rögl, auch als mica-Interview erscheint.

Für mica – music austria ist Bernhard Günther ja kein Unbekannter: Der 1970 in Deutschland Geborene, der in Wien Musikwissenschaft studierte, kam 1994 als Herausgeber des Lexikons zeitgenössischer Musik aus Österreich an das damals neugegründete Music Information Center Austria. 2004 ging er mit dem ehemaligen Jeunesse-Generalsekretär und jetzigen Konzerthaus-Intendanten Matthias Naske als Dramaturg nach Luxemburg, wo er an der dortigen Philharmonie auch ein Festival für Neue Musik („rainy days“) kuratierte. Außerdem entwickelte und leitet er das Festival ZeitRäume Basel, das seit 2015 zweijährlich Neue Musik und Architektur in Beziehung setzt. Das Gespräch Günther fand am 19. 10. im Café Prückel statt.

Wie wurden Sie musikalisch sozialisiert und warum sind Sie nach Wien gegangen?

Bernhard Günther: Nach Wien bin ich tatsächlich der Musik wegen gekommen. Ich komme aus einer Musikerfamilie, meine Schwester ist Geigerin, meine Mutter Kirchenmusikerin, ich habe als Kind angefangen, Cello zu lernen, war mit 15 Jungstudent an der Musikhochschule in Lübeck und ging mit 19 nach Wien, um Musikwissenschaft zu studieren.

Warum Musikwissenschaft?

Bernhard Günther: Ich habe bei der damaligen Art der Ausbildung das Nachdenken über Musik vermisst und diese Etüdenmühle gehasst, durch die man getrieben wurde.

Offensichtlich waren Sie für Musik sehr begabt. Wenn man schon mit 15 Jahren auf eine Hochschule kommt …

Bernhard Günther: Ich hatte damals überhaupt keinen Horizont als Musiker, das war Lernen in Fingerfertigkeit, nicht etwas, was Interpretation anbelangt. Und ich hätte üben müssen wie ein Verrückter, ich war kein Paganini.

Spielen Sie heute noch?

Bernhard Günther: Ich spiele noch

Neue Musik?

Bernhard Günther: Kommt auch vor. Aber ich bin nicht jemand, der sich hinsetzt und Brian Ferneyhough vom Blatt spielt.

Wir fragen deshalb, weil zeitgenössische Komponisten meist so schwer schreiben, dass der „gemeine Laie“ keine Chance hat, so etwas zu spielen.

Bernhard Günther: Es gibt Ausnahmen, nicht nur für Kinder.

Wann sind Sie der Neuen Musik verfallen?

Bernhard Günther: Mit zwölf oder noch früher. Was war damals neue Musik für mich? In erster Linie Streichermusik. Ich war begeistert, als ich zum ersten Mal die Cellosonate von Schostakowitsch hörte. Meine Mutter, die Organistin, hatte mich mit dem Gesamtwerk von Johann Sebastian Bach gefüttert. Schostakowitsch war eine Art Einstiegsdroge in Neue Musik. Natürlich kam ich schnell drauf, dass Schostakowitsch bei Leuten, die sich mit wirklich Neuer Musik beschäftigt hatten, in keiner Weise ernst genommen wurde.

Zu Recht oder zu Unrecht?

Bernhard Günther: Beides. Es gibt fürchterliche, banale und dumme Stücke von ihm und solche mit sehr berührenden Momenten. Seine Streichquartette würde ich eher zu Letzteren rechnen.

Wie war damals das Angebot im Konzertleben in Wien?

Bernhard Günther: Das war die Zeit, als Wien Modern gegründet wurde. Wegen des berühmten Nachholbedarfs. Als Plattform für alles, was in Wien nicht gespielt wurde, bei Boulez und Stockhausen angefangen. „Das gehört in die großen Säle“, war die Ansage. Ich kam fünf Minuten danach nach Wien und ging in jedes Konzert. Ich merkte bald, dass der Nachholbedarf vor allem das Image der Neuen Musik betraf. Als ich 1994 im micamusic information center austria anfing, gehörte es zu meinen Aufgaben, österreichische Kompositionen auf internationalen Festivals zu präsentieren – in Darmstadt Donaueschingen. Wien eilte damals der Ruf voraus, dort wäre alles eher alles langweilig wäre. Das war damals die Situation der Wahrnehmung. Wien selbst war schon einen Schritt weiter, aber es hat gedauert, bis das auch außerhalb wahrgenommen wurde.

Wien hat heute eine vitale Neue-Musik-Szene. Kann man das so sagen? Wann hat sich das eigentlich geändert?

Bernhard Günther: Man kann das zum Glück so sagen. Aber es gibt verschiedene sehr entwickelte Bereiche, die oft kaum etwas miteinander zu tun haben. Hoffentlich lässt sich das auch mit Hilfe von Wien Modern etwas ändern. Es gibt eine großartige Improvisationsszene, einige der international bekanntesten Neue-Musik-Komponisten kommen aus Wien, und dann gibt es eine spannende Nachwuchsgeneration. Aber wann hat sich das geändert? Nicht, dass es immer an bestimmten Jahreszahlen festzumachen ist, aber es gibt einige Momente, die man nennen kann, beispielsweise 1985 die Klangforum-Gründung, 1988 die Wien Modern-Gründung. Danach hat es einen gewissen Schneeball-Effekt gegeben, das führte zu einer Änderung der Dynamik.

Kann man da vielleicht einige Namen nennen?

Bernhard Günther: Ich will jetzt kein Namedropping betreiben, aber Bernhard Lang gehört derzeit zu den erfolgreichsten Opernkomponisten, von den etwas jüngeren kann man beispielsweise Bernd Richard Deutsch oder Johannes Maria Staud nennen. Auch Peter Jakober und Eva Reiter, die beiden Erste-Bank-Preisträger 2015 und 2016, leben in Wien.

In Wien haben Sie sich im mica der Herkulesaufgabe der Herausgabe des 1997 in Druck erschienenen Komponistenlexikons „Musik aus Österreich“ gewidmet. Was hat das für Sie bedeutet und warum war es wichtig, das zu tun?

Bernhard Günther: Die Szene war damals noch stärker polarisiert. Manche Komponisten haben ja nicht nur gedacht, sondern auch gesagt, wenn Lothar Knessl an einer solchen Sache beteiligt sei, wäre das mit Sicherheit „gefärbt“. Es waren sich nicht alle grün unter den Komponistenkollegen. Ich habe mir ein Vergnügen daraus gemacht, ein nicht gefärbtes“, sondern einfach nur in aller Klarheit darstellendes Übersichtswerk zu erarbeiten. Auch ein bisschen, um die Emotion rauszunehmen und die schiere Größe zu zeigen, wer in Österreich heute alles komponiert. Das war schon überparteilich, kann man sagen, und ich hoffe, dass das dazu beigetragen hat, einige Wogen zu glätten.

„ […] du sollst nicht langweilen […]“

Worauf können wir uns bei Wien Modern gefasst machen?

Bernhard Günther: Es wird nicht langweilig. Ich lasse mich tatsächlich an dieser Ansage von Billy Wilder messen. Der hat vielleicht 37.000 Mal gesagt: „Die drei wichtigsten Regeln lauten, erstens, du sollst nicht langweilen, zweitens, du sollst nicht langweilen, und drittens, du sollst nicht langweilen…“ Das ist für ein Festival ganz essentiell. Wobei ich nicht meine, dass es nur noch muskulöse Stücke geben sollte und es immer eine aufregende Dramaturgie geben muss. Wenn man zu Wien Modern geht, sollte man spüren, dass sich da etwas tut, dass es Musiker gibt, die etwas zu erzählen haben, dass das Menschen sind, die zu unserer Gesellschaft Stellung nehmen.

Gibt’s so etwas wie eine Leitidee oder ein Leitmotiv?

Bernhard Günther: Bevor ich auf das konkrete Thema 2016 eingehe, vielleicht erst einmal allgemein: Selbst wenn in Wien ein vergleichsweise großes Publikum für Neue Musik sogar im Verhältnis zu Berlin und Paris existiert, ist mir wichtig, mit dem Festival Wien Modern auch Menschen zu erreichen, die bislang noch überhaupt keine Ahnung haben, was denn diese Neue Musik ist.

Das heißt?

Bernhard Günther: Viele Komponistinnen und Komponisten wollen mehr als nur l’art pour l’art. Ich möchte auch einem allgemein interessierten Publikum, das dieser Szene fern steht, die Chance geben, zu sehen, worum es da gehen könnte. Und ich verlasse mich nicht darauf, dass eh jeder schon weiß, wer Helmut Lachenmann ist oder warum Olga Neuwirth eine wichtige Komponistin ist. Und deswegen greife ich mit großem Vergnügen zu Themen, weil in der Neuen Musik tatsächlich viele inhaltliche Aspekte prägend sind.

Und worum geht es?

Bild Bernhard Günther
Bernhard Günther (c) nafezrerhuf.com

Bernhard Günther: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und wo zum Teufel sind wir hier überhaupt? Diese erste Themensetzung der „letzten Fragen“ von Wien Modern, gefällt mir, weil man hinterher mit großer Gelassenheit feststellen kann, dass die letzten Fragen eh schon gestellt wurden. Das erste Buch von Ror Wolf beginnt mit den Worten: „Nun, nachdem ich alles beschrieben habe …“ Für mich hat dieses Thema aber noch viele weitere Vorzüge. Es ermöglicht eine Standortbestimmung: Welche Rolle spielt Wien in der Musik heute und umgekehrt? Zudem ist es in diesem seltsamen Jahr 2016 hinreichend düster, die Identitätskrise ist ja geradezu im Begriff, unsere zweite Natur zu werden. Drittens ist diese Themenstellung für mich extrem musikaffin. In dem Moment, wo man in Bereiche kommt, von denen man nur schwer sprechen kann, tut die Musik sich bekanntlich relativ leicht. Was mit einigen Stücken in diesem Festival gezeigt werden wird.

Können Sie trotzdem den Beitrag Neuer Musik zu gesellschaftlichen Themen andeuten?

Bernhard Günther: Hannes Seidl hat ein Flüchtlingsradio gegründet (goodmorningdeutschland.org) und denkt im Brut über Geld, Recht und Liebe nach, Georges Lentz präsentiert im Musikverein ein Requiem für die Opfer des verschollenen Fluges MH370. Georg Friedrich Haas macht sich gegen Rechtspopulismus stark und Giorgio Netti betreibt eine Art weiße Magie im Stephansdom.

„Ich liebe diese Supertanker“

Was war die Motivation, sich für die Leitung von Wien Modern zu bewerben?

Bernhard Günther: Ich habe ja in Luxemburg einerseits ein Festival für zeitgenössische Musik programmiert, andererseits war ich auch für experimentelle und elektronische Programmpunkte bis hin zu Grandmaster Flash, Kool Herc, Underground Resistance und DJ Hell zuständig, drittens war ich – und das war eigentlich der Hauptteil meiner Arbeit – der Chefredakteur für alle Print-Publikationen des Hauses – mehrere Bücher, über 100 Abendprogramme im Jahr, die teilweise Taschenbuchstärke erreichen und zwei- bis dreisprachig sind. Bei aller Liebe zum Publizieren war es doch das Festival, für das ich die größte Leidenschaft entfaltet habe. 2015 habe ich die Gründungsedition des Festivals ZeitRäume Basel – Biennale für neue Musik und Architektur gestaltet und wirklich Feuer gefangen für das Format Festival. Man hört ja – von Tomas Zierhofer-Kin, Frie Leysen und anderen – immer wieder einmal einen Abgesang auf die großen alten Festival-Supertanker und dass die kleinen Boote heute viel zeitgemäßer wären. Ich liebe diese Supertanker. Die können etwas, was sonst keine Veranstaltungsform kann: Sie bringen unglaublich viele Menschen zusammen, um eine Kunstform eines bestimmten Genres gemeinsam zu verhandeln. Da kann selbst das Internet nicht mit. Das ist ein Miteinander: Wir haben hier eine Stadt, wir haben einen Monat, wir haben eine Kunstform. Und die Aufgabe ist es, daraus verdammt nochmal das Beste zu machen.

Was ist das Wienerische an Wien Modern?

Bernhard Günther: Wenn irgendein Festival für Neue Musik einen Standortvorteil hat, dann wohl Wien Modern. Wir haben die Wiener Philharmoniker, die Wiener Symphoniker, das RSO Wien, das Klangforum Wien und damit vier weltweit in der Oberliga spielende Ensembles, die die Stadt schon in ihrem Namen tragen. Wir haben den Musikverein, wir haben das Wiener Konzerthaus. Das ist in der Festivallandschaft wirklich einzigartig. Das die alle sich gemeinsam Neuer Musik widmen, verdankt sich ja immer noch dem Gründungsimpuls von Claudio Abbado, und kein anderes Festival weltweit könnte das sonst so machen. Würde ein Unternehmen in Dubai alle diese Ensembles einladen, hätte es noch immer nicht den Musikverein oder das Konzerthaus. Wir spielen diese Wien-Karte mit großer Freude aus. Dazu haben wir noch eine boomende Improvisationsszene, wo die Internationale Gesellschaft für Neue Musik IGNM mit Comprovise ein Festival im Festival machen kann oder Mia Zabelka auch internationale Stars der Improv-Szene einladen kann. Und es gibt eine Menge anderer Ensembles wie PHACE, œnm oder Kontrapunkte, wie man sie nicht überall findet.

Bleibt die Frage nach dem Budget. Es gab Budgetkürzungen. Wie geht man damit um?

Bernhard Günther: Diese große Szene ihrer ganzen Breite in einem Festival zu präsentieren, das in einer internationalen Liga spielt, geht natürlich nur dann, wenn das Budget eine entsprechende Größe hat. Wir haben heuer mit dieser einen Million Gesamtbudget sehr zaubern müssen. Welcher Veranstalter, welcher Festivaldirektor stemmt damit 88 Veranstaltungen mit 55 Uraufführungen an 21 Spielstätten? Wenn das jemand anderer billiger macht, kann er es gerne beweisen. Wien Modern muss eine Bühne für das aktuelle Musikgeschehen in Wien sein und gleichzeitig ein Fenster auf die große Welt der Neuen Musik. Beides zusammen kostet viel mehr als das, was Wien Modern bisher als Budget hat. Es braucht ein bisschen mehr Spielgeld.

Aber die öffentliche Hand ist dürr…

Bernhard Günther: Es muss nicht nur die öffentliche Hand sein. Der Beitrag der Stadt Wien und auch des Bundes ist natürlich essenziell für ein solches Festival. Wir haben uns auch mit dem Kartenverkauf, den wir heuer mit zehn Prozent im Budget haben, ein sehr sportliches Ziel gesetzt. Und ich bin extrem dankbar, dass Kapsch und die Erste Bank dieses wagemutige Festival mit einem signifikanten Betrag unterstützen. Aber man muss auch nach Möglichkeiten suchen, wie man sonst noch Partner gewinnen kann. In Basel ist es zum Beispiel gelungen, die Mittel der öffentlichen Hand mit Stiftungsmitteln zu verdreifachen. Ich darf an dieser Stelle potentielle Förderer herzlich einladen, sich mit mir in Verbindung zu setzen.

Noch einmal zurück zum Programm: Ihre Idee der Simultanaufführung sämtlicher Streichquartette von Schostakowitsch durch 15 verschiedene Quartette erfordert eine ausgeklügelte Dramaturgie. Sie haben dafür eine Art Ablaufspartitur erstellt – wer spielt wann was, und wie ist das im Großen Saal verteilt. War das nicht unglaublich viel Arbeit?

Bernhard Günther: Es hat mir wahnsinnig großen Spaß gemacht und war wirklich viel Arbeit, die sich über Monate hingezogen hat. Ich habe bei meinen Autofahrten zwischen Wien, Basel und Luxemburg diese Quartette lang Zeit hindurch immer wieder einzeln gehört. Wenn man auf den 1000 Kilometern von Wien nach Luxemburg alle 15 Streichquartette nacheinander gehört hat, ist man reif für die Insel. Ich habe dann in einem Mehrspur-Editor alles übereinander gelegt und beim Hören entschieden, wann wer was wo spielen soll. Da war wichtig, dass das nicht ein Brei wird, sondern es tatsächlich eine Dramaturgie gibt. Es fängt in der Saalmitte an mit dem 15. Quartett solo und endet auch damit. Es gibt im Verlauf eine Entwicklung von Duetten und Terzetten, die wunderschön sind, es gibt ein paar undurchhörbar dichte Momente, und es gibt tatsächlich eineinhalb Minuten, wo alle 15 gleichzeitig spielen – Irvine Arditti hat dazu gesagt, das sei die Stelle, die ihm am besten gefällt.

Es spielen also nicht irgendwelche Schülerquartette, sondern die besten?

Bernhard Günther: Ja. Wir haben das Arditti Quartet und das JACK Quartet, die in der Mitte sitzen und die das 15. respektive 14. Quartett spielen, wir haben je drei Quartette vom Ensemble Resonanz und dem Solistenensemble Kaleidoskop als den beiden Streichorchestern, die sich am weitesten in Richtung zeitgenössisches Quartettspiel bewegt haben. Zum Beispiel habe ich einmal mit dem Ensemble Resonanz „Wald“ von Enno Poppe veranstaltet, das ist ein Stück für vier Streichquartette. Die anderen Beiträge kommen von Quartetten der beiden Wiener Musikuniversitäten, die sich aber auch gewaschen haben, da ist etwa das Quatuor Akilone dabei, das jetzt den Wettbewerb in Bordeaux gewonnen hat. Alle sind hervorragend, und noch hervorragender finde ich, dass sich alle mit Begeisterung auf diese Idee eingelassen haben.

Armin Thurnher, Heinz Rögl

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