Bericht Echoraum: „Kukuruz“ von dramagraz mit Musik von Katharina Klement

Mit vier Aufführungen gastiert „dramagraz“ im Echoraum mit „Kukuruz“. Die nicht nur dramaturgisch für das großartige Theaterstück  Ernst Marianne Binders wichtige Musik von Katharina Klement macht den Abend zum Pflichttermin für alle Theater- und Musikfreunde. Es ist schier unglaublich, auf welch hohem Niveau dieser Abend in der Sechshauser Straße ist,  angesichts von -zig anderen gut besuchten „Events“ in den sonstigen hehren Häusern der Stadt Wien. (WAS HÄNGT DAS LEBEN TIEF WIE NEBEL ÜBERM) Kukuruz.

Der Krieg, von dem in Ernst M. Binders neuem Stück erzählt wird, könnte der Jugoslawienkrieg sein, ein Weltkrieg, der 30-jährige Krieg oder ein ganz anderer. Es ist ohnehin, wie Binder seinen Protagonisten Josef (Rudi Widerhofer) sagen lässt, eher das Leben, das die Menschen versehrt. Das erste Bild ist ein stummes (mit Klang aus den Lautsprechern). Und erzählt das halbe Stück. Eine Alte (Werner Halbedl) schält Erdäpfel: die Frucht, die aus Knollen wächst, braune Kriegskost, die aus dem Acker gewühlt wird. Tod und Leben sind ineinander verschränkt, unklar, welches der größere Fluch. Der Krieg kommt in der Gestalt des Josef, der aus dem Krieg kommt. Nicht tot und nicht lebend bringt er die Zerstörung aus dem Krieg mit, bis ihm nur ein Ausweg bleibt: sich zu erhängen.

„Deine Augen. In mich reing’schaut wie in einen Abgrund. So was von einem Staunen “, heißt es da ganz am Anfang des Stückes. Und Auf der dramagraz-Website wird von Binder erläutert: „Das Stück erinnert auch daran, dass die Geschichte des Krieges nicht von Außen sondern von Innen erzählt werden muss. Tief aus einem Innern, das die Verwundungen birgt, die Menschen zeit ihres Bestehens sich und anderen zugefügt haben. Dass alles Unglück von Liebe durchdrungen wird, mag das Leben nicht erträglicher machen. Dennoch gibt es am Ende so etwas wie eine versöhnliche Hoffnung, wenn Marie (Ninja Reichert) zu Josef sagt: Ich werd in meine Lieb zu dir hineinsterben. Und dass ich sterb mit dir. Und dass wir zusammen über die Welt hinwegsterben. Ein einziges Sterben. Ineinander sterben die ganzen Leben lang, die uns noch bleiben.“ Die Sprache (angelehnt an das Oststeirische), philosophisch gesehen Plato verpflichtet, erinnert an Georg Büchners „Woyzeck“, Josef und Marie auch. Und Ernst Binder in seiner Verknappung an die Verfahren von Alban Berg.

In Wien muss man erst sehen, ob sich ein Kritiker in den Echoraum verirrt.  Die Grazer Zeitungskritiken sind jedenfalls allesamt sehr gut: „Binders Drama ist in etwa so düster wie die hoffnungsfreien Aphorismen eines Emil Cioran. Der Kriegsheimkehrer oder -flüchtling Josef findet statt einer Heimat ein bizarres Niemandsland zwischen Tod und Leben vor. Mutter, Frau, Nebenbuhler, ein „Tschuschenkind“ sowie zwei ermordete russische Soldaten bevölkern eine postapokalyptische Landschaft, die wohl eher die Unwirtlichkeit der menschlichen Existenz an sich illustrieren soll. Hier schimmert die Hoffnung nur ganz gedämpft herein“, liest man in der steirischen „krone“. … „Für Humor sind zwei russische Kriegsgefangene zuständig, die im Tod synchron nach Fleisch lechzen“ (Kleine Zeitung). Dem ist hinzuzufügen: Sie lechzen auch nach Stalin und – Hitler. Das Schauspieler Duo wurde extra im korrekten Akzent von bestem ‚Russen-Daitsch’ von einem Klement-Kompositionsschüler, selber echter Russe namens Valdimir,  unterwiesen   – wie der mica-Korrespondent in Erfahrung bringen konnte.

„Binders Marie ist dem Woyzeck entstiegen, nur ist sie eine Wissende geworden“, schreibt der falter, der im Graz-Teil vorab auch ein Interview mit Ernst Binder veröffentlichte, aus dem man viele auto-biographische Elemente des Stücks aus dessen Lebensgeschichte erfahren kann (etwa, dass er den zweiten Namen Marianne trägt, weil seine Frau dieses Namens vor fast vierzig Jahren tragisch tödlich verunglückte).   

Katharina Klement zur Musik   

Die „Composer-Performerin“ hat für „dramagraz“ bereits auch ein Jandl-Stück musikalisch eingerichtet (siehe „Verwandte Artikel“), im mica-Interview erklärte sie, dass „Kukuruz“ für sie eine noch anspruchsvollere Arbeit geworden sei. Sie gebraucht – neben der Elektronik und Lautsprechern – verschiedene stilistische Mittel, scheut sich auch nicht, einmal einen allseits bekannten russischen Schmachtfetzen Revue passieren zu lassen. Bestandteil des Bühnengeschehens ist ein (wunderbar verstimmtes) Klavier, dessen Flügel- Deckel sich öffnen und schließen lässt, dessen Resonanzräume, Tasten und innere Saiten von den Schauspielern während Rezitation und Spiel benützt werden müssen. Besonders brillant die Schauspielerin Monica Reyes („Tschuschenkind“), wenn sie  ein brillant gespieltes Klavierstück-Konzert für Josef gibt – eine Art Valse-Polka.

Lassen wir Katharina Klement zur Musik am besten selber zu Wort kommen: „RESONANZRAUM FÜR DAS WORT.  Ein alter Flügel, der bereits in meiner Arbeit concert trouvé im Jahr 2000 im Fokus stand, bildet einen zentralen Topos und Klangraum. Als klingendes Mobiliar, u. a. mit eingebauten Lautsprechern, ist es ins Stück als Requisit integriert. Einerseits werden vorgefertigte Teile, deren klangliches Material sich immer aus dem Klavier speist, über Lautsprecher zugespielt. Andererseits übernehmen SchauspielerInnen auch „die Klavierspielerin“ und spielen live am oder im Klavier.

Die Komponistin ist dem auf der Spur, was zwischen den Zeilen zu lesen ist:
Das, was in der Sprache nicht gesagt werden kann, kommt im Medium Musik
zur Sprache. Die Musik bildet hier keine Ergänzung zum Stück, sondern ist ein integraler Bestandteil. Ausgangspunkt ist wohl ein Transfer des Gesagten ins Klangliche, welches sich jedoch verselbständigt und für das Wort/die Sprache einen
Resonanzraum öffnet.“(Katharina Klement Jänner 2010). (hr).  


(WAS HÄNGT DAS LEBEN TIEF WIE NEBEL ÜBERM)

KUKURUZ
von Ernst Marianne Binder
JOSEF: Rudi Widerhofer
MARIE: Ninja Reichert
ANDRES: Phillip Kramer
MUTTER: Werner Halbedl
TSCHUSCHENKIND: Monica Reyes
Inszenierung / Raum: Ernst Marianne Binder
Musik: Katharina Klement
Ausstattung: Vibeke Andersen
Licht / Sound: Geari Schreilechner
Bühnenmeister: Andreas Platzer
Ton: Fabian Fellmann
Assistenz: Katharina Scheicher
Produktionsleitung: Andrea Speetgens
Technische Leitung: Geari Schreilechner
Abendspielleitung: Katharina Scheicher

Ernst Marianne Binder
Dichter und Regisseur
* 1953 in Mostar, Ex-Jugoslawien
Seit 1971 freiberuflicher Autor, Musiker und Regisseur. Lebt zur Zeit in Graz und Berlin. Im Lauf der Jahre neben der künstlerischen Tätigkeit verschiedene Berufe wie: Steinmetz, Fensterputzer, Zeitungsausträger, Olivenbauer, Kellner, Discjockey, Zirkus-Beleuchter, freier Mitarbeiter im ORF, etc.

KÜNSTLERISCHE TÄTIGKEITEN:
seit 1986 ca. 90 Inszenierungen in Österreich, Deutschland, Slowenien
1987 – 2003 Künstl Leiter forum stadtpark theater, Graz
1995 – 2003 Hausregisseur am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin
seit 2003 Künstl. Leiter dramagraz
>Wichtigste Inszenierungen
1992 MEIN HUNDEMUND von Werner Schwab [UrAufführung]
Schauspielhaus Wien
eingeladen zum Theaterfestival AUA! WIR LEBEN, Bern
1993 DIE KRANICHMASKE DIE BEI NACHT STRAHLT von Yoko Tawada [UA]
„steirischer herbst ’93“, THEATER AM HALLESCHEN UFER, Berlin;
Int. Kulturfabrik KAMPNAGEL, Hamburg
1994 DAS FEST von Klaus Rohleder [UA]
Bühnen der Stadt Gera, Thüringen
eingeladen zum Theaterfestival AUA! WIR LEBEN, Bern
nominiert zum Berliner Theatertreffen 1995
1995 TOTENTROMPETEN von Einar Schleef [UA]
Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin
eingeladen zu den Mülheimer Theatertagen ’95 und den Potsdamer
Theatertagen
nominiert zum Berliner Theatertreffen 1995
1996 DIE STUNDE DA WIR NICHTS VONEINANDER WUSSTEN
von Peter Handke [Slowenische Erstaufführung],
Slowenisches Nationaltheater DRAMA, Ljubljana
1997 AUS NICHTS WIRD NICHTS von Bertolt Brecht [UA]
Berliner Ensemble, Berlin
1998 ES SINGEN DIE STEINE von Gert Jonke [UA]
Stadttheater Klagenfurt
Eröffnung des neuen umgebauten Theaters
1999 DIE BAUERN von Heiner Müller
Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin
nominiert zum Berliner Theatertreffen 1995
2002 KÖRPER UND FRAU. von Elfriede Jelinek [UA]
forum stadtpark theater, Graz und schauspiel frankfurt
2003 VERSUCH ÜBER DEN GEGLÜCKTEN TAG von Peter Handke [UA]
forum stadtpark theater, Graz
2003 BLACK JACK von Franzobel [UA]
Festwochen Gmunden
eingeladen zum Theatertreffen IMPULSE 2004
2003 WOYZECK von Georg Büchner
Slowenisches Nationaltheater DRAMA, Ljubljana
2005 DAS BLAUE VOM HIMMEL von Ernst Marianne Binder [UA]
dramagraz
2006 BECKETT.SILENCE von Ernst Marianne Binder [UA]
dramagraz
2007 EINKLANG von Herbert Achternbusch [UA]
Ruhrfestspiele
2007 PSYCHOSE 4.48 von Sarah Kane
dramagraz
2008 WARUM EINE KÜCHE? von Peter Handke [ÖE]
dramagraz, echoraum Wien
2009 A PIECE OF MONOLOGUE von Samuel Beckett
AUS DER FREMDE von Ernst Jandl
dramagraz, echoraum Wien
2010 KUKURUZ von Ernst Marianne Binder [UA]
dramagraz, echoraum Wien, PATHOS transport theater München

http://www.echoraum.at/
http://dramagraz.mur.at/framesets/projekte_frameset.html
http://ernstmariannebinder.mur.at